Der Duft des Waldes von Hélène Gestern

S. Fischer
Fester Einband
704 Seiten
Erscheinungsdatum:
25,07.2018
ISBN: 9783103973433
Preis: 26,00 Euro

Klappentext
Elisabeths Leben ändert sich schlagartig, als ihr die 89-jährige Alix ihr die Briefe ihres Bruders Alban anvertraut, geschrieben von der Front des ersten Weltkriegs an seinen Freund Anatole. Als Elisabeth außerdem Alix‘ verwunschenes Landhaus südlich von Paris erbt, weiß die junge Historikerin, dass eine große Aufgabe auf sie wartet, eine, die ihrem Leben wieder Sinn verleiht. Die Briefe geben Rätsel auf, und Elisabeth stürzt sich in die Recherche: Welches Geheimnis verband die Freunde, warum ging Alban zurück an die Front, wo ihm der Tod sicher war, und wer war die eigenwillige 17-jährige Diane?
Auf der Suche nach Antworten, reist Elisabeth nach Lissabon, Bern und Brüssel und sucht all die Menschen auf, die mit ihren Erinnerungen Elisabeth helfen, Lebensgeschichten eines Jahrhunderts zu einem Ganzen zusammenzufügen.

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„Mir lag das Album eines poilu vor, eines Frontsoldaten, der während des Ersten Weltkriegs zweieinhalb Jahre lang Postkarten und selbstaufgenommene Fotos vom Alltag in den Schützengräben verschickt hatte. Außerdem hatte er fast jede Woche seiner Schwester geschrieben und dem berühmten postsymbolischen Dichter Anatole Massis, der offenbar sein bester Freund gewesen war. Der Fundus war von unschätzbarem historischem Wert, ein solcher Schatz war mir im Lauf meines Berufslebens nur zwei- oder dreimal untergekommen.“ (Seite 11)

Elisabeth ist Historikerin und immer wieder auf der Such nach neuem Material. Als einen Tages die 89-jährige Alix de Chandelar an sie herantritt, um ihr Briefe, Fotos und Postkarten ihres im Ersten Weltkrieg verstorbenen Onkels Alban de Willecot anzubieten. Bei der Durchsicht des Materials stellt sich heraus, das Alban Briefkontakt zu dem berühmten Dichter Anatole Massis hatte. Elisabeth ahnt, welchen unvorstellbaren Schatz sie in den Händen hält.

Kurz nach der Übergabe der Briefe stirbt Alix und hinterlässt Elisabeth ihr Haus in Südfrankreich. Und hier kommt die Historikerin endlich das erste Mal nach zwei Jahren zur Ruhe. Denn vor zwei Jahren starb ihre große Liebe. Sein Tod hat sie in eine depressive Phase gestürzt und das Leben schien ihr ohne ihn sinnlos.

„Je länger ich die Zeilen dieses jungen Mannes entzifferte, der mit neunundzwanzig Jahren seinem Tod entgegenging und dessen elegante Schrift den entsetzlichen Bedingungen zu trotzen schien, in denen er sich beim Schreiben befand, desto mehr Zuneigung empfand ich für ihn, der sich weiterhin an Gedichtversen festhielt, weiterhin seine Kameraden fotografierte, während die Welt Tag und Nacht Feuer und Stahl über ihn ergoss. Mich bewegte vor allem, wie unermüdlich er nach dem Wohlergehen seiner Lieben fragte und wie beharrlich er sich nach einer gewissen Diane erkundigte (seine Verlobte?). Vielleicht, weil ich, genau wie Alban de Willecot, wenn auch in einem ganz anderen Kontext, dieses quälende Schweigen erlebt hatte, das alles Mögliche bedeuten konnte, Vergessen, Verschwinden oder Tod.“ (Seite 56/ 57)

Doch durch die Briefe von Alban und dem damit verbundenen Geheimnis um den Dichter Massis, macht sich Elisabeth an die Recherche. Parallel dazu bekommt sie eine Anfrage aus Lissabon. Sie soll einer Frau dabei helfen ihre jüdischen Vorfahren zu finden. Elisabeth lernt den Bruder ihrer Klientin kennen und verliebt sich in ihn. Doch ihrer beider etwas komplizierte Vergangenheit macht es ihnen schwer sich aufeinander einzulassen.

Zeitgleich fallen ihr in Lissabon verschlüsselte Tagebucheinträge einer Diane in die Hände, die scheinbar auch Kontakt zu Alban und Anatole hatte.

Je weiter Elisabeth in die Geschichte von Alban und Anatole eintaucht desto verschlungener wird sie. Ähnlich wie ihre Beziehung zu Samuel. Immer wieder muss sie neu ansetzen, neue Wege und Spuren verfolgen, umdenken und neuzusammensetzen. Wird sie hinter das Geheimnis kommen? Und wird sie sich ganz auf Samuel einlassen können?

„Der Soldat führt die Zeile zu Ende, hebt kurz den Kopf, als er in der Ferne einen Schrei hört, schreibt weiter. Es ist kalt, daran denkt er aber nicht mehr, er denk auch nicht mehr an die Boches, an das Geschützgewitter, an die Ratte, die in seiner Nähe hastig einen verschimmelten Brotkanten frisst. Im Schutz seiner Nische sucht der Leutnant nach den richtigen Worten, um das Herz einer Siebzehnjährigen zu ergreifen, sie zu unterhalten, sie an sich zu binden, wenigstens ein bisschen, nur, um weiterhin auf ihre Briefe hoffen zu dürfen, nur um des Vergnügens willen, sich ihr Lächeln oder ihr Stirnrunzeln auszumalen angesichts der besonders kniffligen Mathematikaufgabe, die er ihr gestellt hat.
In diesem Augenblick besteht Alban de Willecot, der tief in der Erde, tief im Krieg steckt, nur noch aus dieser einen Handlung, bescheiden, aber zwingend: schreiben. Eine Handlung des Überlebens, so methodisch, so wild entschlossen ausgeführt, dass sie den Tod aufhebt, der ihn einkreist, den Tod umkehrt wie ein Negativ die Bereiche von Licht und Schatten, eine Handlung, die dieses eiskalte, dreckige, unbequeme Loch in das Königreich eines Liebenden verwandelt.“ (Seite 200)

Was für ein Buch, was für eine Geschichte!!!

Wer mich kennt, weiß, dass ich kaum Bücher mit mehr als 450 max. 500 Seiten lese. Frei nach dem Motto, was ein Autor nicht auf 500 Seiten schafft zu erzählen, schafft er auf 700 erst Recht nicht. Aaaaaaber … es gibt Ausnahmen. Und dieses Buch ist definitiv eine. Von der ersten bis zur letzten Seite bin ich durch dieses Buch geflogen und ja, es braucht dieses „Masse“ an Seiten, weil es einfach unmöglich ist diese Geschichte auf weniger Seiten zu erzählen.

Was mir besonders gefallen hat, ist die abwechselnde Erzählweise. Da ist einmal Elisabeths Leben und Vergangenheit, die hier Raum findet. Parallel dazu wird die Geschichte von Alban, Anatole, Diane und vielen anderen Menschen aus dem Ersten Weltkrieg erzählt. Im Buch kursiv dargestellt. Mich haben die Briefe und Postkarten sehr berührt. Sie erzählen das Leben der Soldaten an der Front während des Ersten Weltkriegs. Von den Hoffnungen, der Wut, der Sehnsucht und der Trauer.

Spannend war auch die Suche nach den Verbindungen zwischen den einzelnen Protagonisten. Die Autorin schafft es, ihre Protagonisten sehr real zu zeichnen. Zeitweise habe ich wirklich gedacht, Alban de Willecot und Anatole Massis haben wirklich gelebt. Doch ein Blick ins Web und ich musste feststellen, dass es doch nur fiktive Personen waren. Ich war so gefesselt von der Geschichte, das ich sogar mit gerätselt habe wer wen wie kennt und mit wem wer wie verbandelt/ verwandt ist oder nicht. Das macht dieses Buch unendlich spannend … bis zur letzten Seite.

„Auch wenn noch viele Einzelheiten fehlten, zeichneten sich bereits die einzelnen Stränge ihrer Geschichte ab, eines komplexen Gebildes, in dem sich alles Mögliche verwob, Liebe, Krieg, Erwachsenwerden, Zuversicht und Enttäuschung. Im Laufe der Zeit wuchs mein Gefühl von Vertrautheit mit den beiden. Sie führten mich mit ihrer Perspektive in diese bewegte Epoche ein und erschienen mir bald wie Verwandte, wie liebe Freunde, wie Bruder und Schwester, die mit mir ihre alltäglichen Sorgen und ihre Liebeswirren teilten.“ (Seite 230)

„Der Duft des Waldes“ ist ein grandioses Buch und eines meiner Lesehighlights in diesem Jahr, welches auf 700 Seiten eine monumentale Geschichte über ein ganzes Jahrhundert erzählt. Angefangen beim Elend des Ersten Weltkriegs, bis hin zur Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs. Doch es wurde mir nie zu viel. Im Gegenteil, ich habe alles aufgesogen und war dankbar für all die Einblicke die Hélène Gestern mir mit diesem Buch gegeben hat.

In ihrem Nachwort sagt sie an einer Stelle (unten), warum sie dieses Buch geschrieben hat. Ich persönlich finde, dass ihr mit diesem Buch eine Hommage an all eben diese Menschen gelungen ist. Danke dafür!!!

Unbedingt lesen!!!

Dieses Buch ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Geschichte der Verschwundenen nachzuzeichnen, die vom Krieg, der Zeit, dem Schweigen verschluckt worden sind. Aus dem Wunsch zu erzählen, was ihren Spuren wurde, die die Lebenden bereichern, aber auch verzehren können.“ (Seite 703)

Wenn das Leben aus dem Takt gerät

Droemer
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783426281727

Rückentext
Vierzig Jahre hat er in einem festen Takt gelebt. Jetzt verabschiedet sich Loet Zimmermann aus dem Schuldienst in die Rente, die ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt. Von nun an muss er seinen Alltag ohne die tröstliche Sicherheit eines Stundenplans bewältigen. Doch sosehr sich Zimmermann um Struktur bemüht, immer weiter entgleiten ihm die Dinge. Nur ein entschlossener Plan kann ihn noch retten – und den hat Loet Zimmermann.

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„Zeit ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Beim Einteilen seiner letzten Jahre braucht er nichts einzukalkulieren, außer seinen Tod. Das wird vielleicht die größte Herausforderung für ihn als Koordinator.“ (Seite 23)

Loet Zimmermann koordiniert seit vierzig Jahren die Stundenpläne an einer Schule. Sein ganzes Denken kreist um Fächer und die Aufteilung der Schulstunden in fünfzig Minuten Takte. Dann ist er da, der Tag, an dem er in den Ruhestand geht. Loet kann noch gar nicht glauben, dass sein getaktetes Leben nun so nicht mehr stattfinden soll. Doch er hat Pläne, wie er Struktur in seinen neuen Lebensabschnitt bekommt.

Auf dem Heimweg von seiner Verabschiedung wird Zimmermann überfallen, ausgeraubt und brutal verprügelt. Fortan quälen ihn die Bilder des Überfalls, er fühlt sich verfolgt und die Polizei unternimmt in Lotes Augen nichts, um den Täter zu finden. Sein bisher so durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen.

„Den Abend, die Nacht, die nächsten Tage musste er in Stunden zerlegen und sie irgendwie füllen, um die Zeit zu überstehen.“ (Seite 52)

Mir hat dieses Buch der Autorin Karolien Berkvens sehr gut gefallen. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem Struktur im Alltag wichtig ist. Das Leben ist durchgetaktet, die täglichen Dinge laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Loet ist dies Lebenswichtig. Das merke ich als Leserin ganz stark, als nach dem Überfall Loets Tagesablauf verändert wird. Das fängt damit an, dass z.B. das Frühstück im Krankenhaus, anders als in seinem Tagesablauf, um 6 Uhr serviert wird. Und diese anfänglich kleinen Veränderungen im Tagesablauf bringen seine gewohnten Strukturen immer mehr ins Wanken. Das bedeutet für ihn Stress und Panik. Er verstrickt sich immer mehr in Hirngespinste und Vorstellungen, die voll am realen Leben vorbei gehen. Das Ganze spitzt sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu.

Diese sehr eindringliche Geschichte über den Verlust von Kontrolle und der damit verbundenen Einsamkeit hat mich sehr berührt, und die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die so tagtäglich leben sehr erschreckt.

Mich beschäftigt nach wie vor die Frage, kann man diesen Menschen helfen? Was braucht es um diese Strukturen zu durchbrechen, um diese Menschen aus ihrer Einsamkeit heraus zu holen?

„Sumpfige Gedanken schwappen wellenartig an seine Schädelwand. Was sind Gedanken wert, wenn der Denkende sie nicht im Griff hat? Kann man dann noch von Gedanken sprechen?“ (Seite 140)