„Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff

hanserblau, Fester Einband, 288 Seiten, Preis: 20,00 Euro, ISBN: 9783446269453, Hier kaufen

Klappentext

Inga und Sophie sind beste Freundinnen. Obwohl sie nicht unterschiedlicher aufgewachsen sein könnten: Sophie in einer schneeweißen Villa in Hamburg-Othmarschen und Inga als Tochter eines Fährmanns in Harlingerwedel. Sie wohnten während des Studiums zusammen, saßen auf den Anti-Atomkraft-Demonstrationen bei Gorleben nebeneinander und träumten von einer gerechten Zukunft.

Jetzt wohnen sie in bürgerlicher Idylle im Wendland. Doch während Inga und ihr Mann Bodo ihre vermeintlich perfekten Kinder zum Fußball und zur Chorprobe fahren, kämpft Sophie um ihre Ehe mit Thies. Seit ihr Sohn Aaron in der Elbe ertrank, vergiftet Misstrauen die Beziehung der beiden. Und als eine Fremde in den Ort kommt und die Wunden wieder aufreißt, müssen Sophie und Inga sich fragen, was aus ihrem Leben, ihrer Freundschaft und aus ihren Träumen geworden ist.

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Inga und Sophie sind beste Freundinnen. Kennen sich seit der Schulzeit, ziehen im Studium in eine Wohnung und auch, als die beiden schon verheiratet sind, verbindet die beiden Frauen viel. Sie leben nebeneinander auf einem Hof im Wendland. Doch die Freundschaft hat einen Riss bekommen. Denn Sophies und Thies Sohn ist vor 13 Monaten  auf tragische Weise ums Leben gekommen. Nun sieht Sophie tagein, tagaus die Familienidylle von Inga.

Inga und Bodo möchten die Freunde in ihrer Trauer auffangen, doch die beiden lassen keinen an sich ran, und so wird es für alle Beteiligten immer schwieriger weiterhin zusammen zu leben. Eines Tages tauch eine Unbekannte auf dem Hof auf und wirbelt alles durcheinander. Thies fühlt sich von der Unbekannten angezogen, flirtet mit ihr und fühlt sich seit Aarons Tod auf einmal wieder lebendig. Aber auch Inga und Sophie fühlen sich auf eine besondere Art und Weise von Mara, der Unbekannten, angezogen. Doch welches Geheimnis führt Mara ins Wendland?

„Sie dachte daran, wie alles begonnen hatte, in den Tagen, als Bodo und Inga ihnen ein Teil des Grundstücks abkauften und ihr Haus darauf bauten. Die besten Nachbarn der Welt: ihre Freunde. So viele Hoffnungen und Träume hatten sie geteilt. Für Inga hatten sie sich alle erfüllt, für Sophia nicht.“ (Seite 13)

Die Geschichte um die Familien wird in einzelnen Kapiteln immer aus der Sicht einer Person erzählt. Mal kommt Inga zu Wort, mal Sophie, Mara oder eines der anderen Familienmitglieder. Und dabei kommt so nach und nach ein Geheimnis, ach dem anderen an die Oberfläche, und die scheinbare Idylle ist gar nicht mehr so idyllisch.

Mich hat dieses Buch sehr bewegt. Jede Person in der Geschichte hat so sein Päckchen zu trage, hat seine Geheimnisse, die er für sich behält. Im Laufe der Geschichte sieht man aber, was diese „Geheimniskrämerei“  für Folgen haben kann. Vieles wäre vielleicht anders gelaufen, hätte einer der Protagonisten mal etwas gesagt bzw. gehandelt. Am meisten hat mich später Aaron  nicht mehr losgelassen. Was ich über ihn erfahren habe, hat mich sprachlos zurück gelassen. An dieser Stelle hätte ich gern mehr über ihn erfahren, um sein Handeln verstehen zu können.

„Sie hatte viel zu lange einfach nur still gehalten, hatte gedacht, dass Schuld und Scham sich irgendwann auflösen mussten, aber das war nicht geschehen. Sie hatte sich geschämt für ihre Gefühllosigkeit gegenüber Aaron. Erst jetzt fühlte sie etwas, wenn sie an ihn dachte. Diese brennende Wut.“ (Seite 132/ 133)

Den Roman von Kristina Hauff habe ich sehr gerne gelesen. Es ist ein Buch über Familie, Trauer, Lügen und Geheimnisse, das einen nachhaltig beschäftigt. Die Geschichte berührt, da man deutlich die Trauer und die Verzweiflung bei Thies und Sophie über den Verlust ihres Sohnes spürt.

 

 

Kurz & Knapp … März 2019

Ich bleibe hier von Cathrine Ryan Hyde

Grace ist neun Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in einem sozialen Brennpunkt. Die Mutter ist Drogenabhängig und so sitzt Grace oft vor der Haustür, weil ihre Mutter „schläft“. Eines Tages lernt sie Billy kennen, ein Nachbar, der schon seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat, weil er an einer Zwangsstörung leidet. Durch ihre offene Art, hat Grace schnell Kontakt zu weiteren Hausbewohnern. Als sich das Jugendamt einschaltet und Grace in Obhut nehmen will, bis die Mutter clean ist, schließt sich die Gruppe zusammen, um Grace vor dem Heim zu bewahren. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt und jeder Bewohner kommt an seine persönlichen Grenze …

Wir haben dieses Buch innerhalb des Lesekreis gelesen. In der Besprechung hinterher haben wir für uns beschlossen, dass man diese Geschichte als modernes Märchen sehen muss, da viele unschöne Dinge und Abläufe einfach zu sehr geschönt wurden. Allein die Tatsache, dass eine Gruppe von Menschen, die alle ihre eigenen sozialen wie auch krankhaften Probleme haben, es schaffen Grace vor dem Heim zu bewahren. Die Story hat ziemlich viele gute Ansätze und Themen, aber in der Umsetzung fehlt es an Substanz.

Fazit: Gut geschrieben, aber inhaltlich hätte man mehr machen können.

(Ullstein, ISBN: 9783548288932, Preis: 9,99 Euro)

 

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Die einzige Geschichte von Julian Barnes

Ein junger Mann, der Ich-Erzähler erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe zu einer älteren Frau. Aufgeteilt in der Kapitel erzählt das erste die Zeit des Kennenlernen, das zweite die Zeit in der das Paar zusammen in eine andere Stadt zieht und im dritten Kapitel wirft der Ich-Erzähler im reifen Alter ein Rückblick auf sein Leben.

Ehrlich gesagt, kann ich überhaupt nicht verstehen, warum dieses Buch so gehypt wird. Mich hat die Geschichte dermaßen angeödet, dass ich immer wieder kurz davor stand sie abzubrechen. Hey, da erzählt einer die Geschichte seiner ersten großen Liebe, aber leider so emotionslos wie ein Stück Brot. Ich hätte mir so manches Mal mehr Leidenschaft bei der Erzählung gewünscht. Ich hab mir so sehr eine wahnsinnig tolle Liebesgeschichte gewünscht. Nö, gibt es nicht. Leider. Seufz.

Fazit: Von mir gibt es an dieser Stelle keine Empfehlung. Es sei denn, ihr möchtet euch zu Tode langweilen. Ja dann solltet ihr dieses Buch unbedingt lesen.

(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 9783462051544, Preis: 22,00 Euro)

 

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Lubotschka von Luba Goldberg-Kuznetsova

Eine junge Frau lebt in Russland zur Jahrtausendwende. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und träumt von einem glamourösen Leben. Doch sie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Doch auf ihrem Abschlussball möchte sie glänzen … strahlen … denn danach wird sie mit der Mutter nach Deutschland gehen.

Die Geschichte um die Wünsche und Sehnsüchte dieser jungen Frau ziehen sich wie Kaugummi durchs Buch. Mich hat es irgendwann nur noch angenervt. Es geht um die richtige Klamotte für den Abschlussball, um Jungs und was man sich alles kaufen könnte. Materielle Dinge stehen sehr im Fokus der jungen Dame. Ihre Weltanschauung spiegelt das Russland der Nullerjahre.

Fazit: Auch hier leider keine Leseempfehlung von mir. Leider.

(Aufbau Verlag, ISBN: 9783351037635, Preis: 22,00 Euro)

 

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hell/ dunkel von Julia Rothenburg

Zwei Geschwister so unterschiedlich wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel, erfahren, dass die Mutter sterben wird. Bald. Die beiden Kinder müssen sich nun um alles kümmern.

Eine tolle Geschichte, die mich beim Lesen fesselt. Da sind Valerie und Robert, zwei Geschwister, die eine gemeinsame Mutter haben aber verschiedene Väter. Ihr Verhältnis zueinander ist nicht innig, genauso wenig wie das zur Mutter. Valerie lebt bei der Mutter, Robert in einer anderen Stadt. Nun ist die Mutter krank, und die Kinder müssen Abschied nehmen, stehen kurz davor einen Verlust zu erleiden. All dies erzählt die Autorin sehr gefühlvoll bis zu einem bestimmten Punkt und an dem war ich dann raus. Die beiden sind in ihrer Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit immer näher gerückt, was dann soweit ging, dass sie Sex miteinander hatten. Und das nicht nur 1x. Nennt mich spießig oder sonst was, aber da bin ich raus. Blutverwandt und Sex geht gar nicht. Vor allem fehlt mir an dieser Stelle eine Triggerwarnung. Während der Erzählung deutete nichts darauf hin, dass dies passieren würde.  Um so überraschter war ich. Im zweiten Teil steht diese Beziehung dann auch etwas mehr im Fokus der Geschichte.

Fazit: Es hätte eine tolle Geschichte werden können, eine Geschichte über den Umgang mit Trauer, Verlust und den daraus entstehenden Ängsten. Aber die sexuelle Komponente zwischen den Geschwistern haben dem Buch einen unangenehmen Beigeschmack gegeben. Schade.

(Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 9783627002596, Preis: 20,00 Euro)

 

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Auf dem Wasser treiben von Theresa Prammer

List Verlag
Fester Einband
256 Seiten
Erscheinungsdatum:
08.02.2019
ISBN: 9783471351680
Preis: 18,00 Euro

Klappentext
Stefan kommt mit seiner Forschung nicht weiter. Zwar konnte er beweisen, dass die Wassermoleküle im menschlichen Körper nach inniger Verbindung streben. Doch wenn seine Theorie gültig ist, wieso stimmt sie dann bei ihm nicht? Natürlich hat er Beziehungen, doch sie bleiben oberflächlich.
Keine seiner Freundinnen hielt es lange mit ihm aus, seine Geschwister sind ihm fremd, sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen. Mit nichts und niemandem hat Stefan eine richtige Verbindung. Er selbst ist also das beste Beispiel, dass seine Wassertheorie falsch ist. Bis nach einer Familienfeier seine Mutter verschwindet und unauffindbar bleibt. Die Suche nach ihr zwingt Stefan und seine Geschwister zu einer Bestandsaufnahme, durch die sich alles ändert.

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„Wasser ist ein mysteriöses Material. Es ist ein einfaches Molekül. Aber es verhält sich auf sehr überraschende Weise.“ (Dr. Adam Wexler, 2018)

„Jeder Mensch besteht zu drei Viertel aus Wasser. Im Prinzip ist also jeder von uns nichts anderes als eine lebende Wassermelone.“ (Seite 14)

Stefan wäre im Alter von 8 Jahren fast ertrunken. Dieses Erlebnis hat den Jungen so geprägt, dass er sich in seinem Beruf mit Wasser beschäftig. Ihn fasziniert dieses Molekül.

Stefan ist auch 8 Jahre alt, als sein Vater von einem auf den anderen Tag spurlos verschwindet. Zuerst hofft die Familie, Stefan hat noch einen älteren Bruder Fred und eine ältere Schwester Emma, dass der Vater zurück kommt. Doch irgendwann ist sämtliche Hoffnung dahin. Die Familie muss ohne den Vater auskommen, er bleibt verschollen.

Stefans Mutter Hannah wird 55 und es ist eine Überraschungsparty geplant. Als Stefan sie abholt um zur Party zu bringen, merkt er, dass seine Mutter irgendwie anders ist wie sonst. Am selben Abend verschwindet auch sie zunächst spurlos. Die Kinder machen sich auf die Suche nach Hannah und die Spur führt in die Vergangenheit, zum Verschwinden des Vaters …

„Wir wachsen alle aus unserer Kindheit heraus. Aber unsere Kindheit nie aus uns. Manchmal habe ich tatsächlich den Eindruck, Erwachsene sind nichts anderes als in die Länge gezogenen Kinder.“ (Seite 194)

Am Anfang nimmt mich die Autorin mit in die Vergangenheit, zu dem Tag an dem Stefan fast ertrinkt und dem Tag, an dem der Vater verschwindet. Beides ist sehr geheimnisvoll und am Ende erst werde ich erfahren, was es damit auf sich hat. Im mittleren Teil erfahre ich etwas über Stefans Familie. Der Verlust des Vaters hat die Kinder geprägt. Stefan hat sich dem Studiums des Wassers verschrieben. Er findet heraus, das Wassermoleküle immer eine Verbindung suchen. So wie er. Doch sowohl die Verbindungen des Wassers, wie auch seine eigenen halten nie lange. Und so forscht er weiter, bis er eine Lösung findet. Auch seiner Schwester Emma fällt es schwer Bindungen einzugehen. Sie leidet unter großer Verlustangst und sobald jemand mehr von ihr möchte flieht sie. Und der große Bruder Fred… er übernimmt irgendwie nach den Verschwinden des Vaters die Vaterolle für die beiden Geschwister und eckt mit seinem Verhalten bei den Beiden immer wieder an. Sie sind genervt von seiner bevormunderei.

Und dann ist da ja auch noch Hannah, die Mutter der drei. Sie begleite ich auf der Suche nach John, ihrem verschollenen Mann. Denn John lebt noch, auch wenn sie den Kindern erzählt hat, dass er tot ist. Nach all den Jahren der Trauer und des Verlust, will sie jetzt reinen Tisch machen …

„Wasser ist zwar lose, aber doch verbunden. Wassermolekül mit Wassermolekül. Ohne diese Verbindung könnten gar keine Protonen durch elektrische Spannung entstehen. Und ohne Protonen gäbe es keine magnetische Kraft. Es ist überall, im Meer, in den Wolken, im Boden, in jedem Körper. Es ist – ach, ich weiß auch nicht.(…) Als würde Wasser die Einsamkeit überwinden.“ (Seite 243)

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Theresa Prammer erzählt die Tragödie dieser Familie mit viel Gefühl und Spannung, ohne dabei ins kitschige abzurutschen. Hinzu kommen noch diese Informationen über das Wasser und seine Moleküle, die sie sehr geschickt in die Geschichte einbettet und welche mich sehr fasziniert haben.

Für mich eine sehr berührende Familiengeschichte mit den Themen Trauer, Verlust, Einsamkeit und Lügen … und der Erkenntnis, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Unbedingt lesen!!!

Lempi, das heißt ja Liebe

Carl Hanser
Fester Einband
224 Seiten
Erscheinungsdatum:
23.07.2018
ISBN: 9783446260047
Preis: 21,00 Euro

Klappentext
Der junge Bauernsohn Viljami hat sich in Lempi, die Tochter des Ladenbesitzers aus der kleinen Stadt Rovaniemi, verliebt. Hals über Kopf heiraten sie, und Lempi, der das Landleben fremd ist, zieht zu Viljami auf den Hof. Um sie zu entlasten und über die Trennung von ihrer Zwillingsschwester hinwegzutrösten, stellt ihr Mann die Magd Elli ein, die insgeheim glühend eifersüchtig ist und selbst gern an seiner Seite wäre. Nach einem einzigen glücklichen Sommer wird Viljami zum Kriegsdienst eingezogen. Als er zurückkehrt, ist die Stadt zerstört und Lempi verschwunden. Dass sie wie ihre Schwester Sisko mit einem Wehrmachtsoffizier nach Deutschland gegangen sein soll, kann er sich nicht vorstellen. Viljami, die Magd Elli und Sisko erinnern sich an Lempi – aus ihrer jeweils eigenen, sehr individuellen Perspektive.

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„Im Spiegel sah ich zu, wie mein Finger über deine Wange wanderte und über den Rand Deiner Lippen, wie dein Blick ernst wurde und Deine Augen glühten. So war das damals in diesem Sommer und Herbst, ich bekam dieses Glück geschenkt, an das ich heute nicht mehr zurück denken mag. Die Erinnerung an diese Zeit reibt mich auf und reißt mich in Stücke. Jetzt zittern meine Hände. In meiner Faust steckt grünes Moos, aber in meiner Seele nur Leere, die nie verschwinden wird und schmerzt und hallt.“ (Seite 22)

Viljami ist ein einfacher Bauernsohn. Hin und wieder fährt er in den Ort, um einzukaufen. Er geht auch immer in den Laden, der Lempis Vater gehört. Viljami ist in Lempi verliebt, doch er traut sich nicht sie anzusprechen. Eines Tages spricht Lempi ihn an und fortan sind die beiden ein Paar. Schon nach kurzer Zeit heiraten die beiden. Da Lempi das Leben auf dem Land nicht gewohnt ist, stellt Viljami eine Magd ein, die Lempi bei der täglichen Arbeit helfen soll. Viljami und Lempi sind glücklich. Doch dann kommt der Krieg und Viljami wird eingezogen. Lempi ist schwanger. Kurz vor Ende des Krieges erfährt er, das Lempi angeblich mit einem Deutschen nach Deutschland geflohen ist, und sein Kind bei der Magd gelassen hat. Viljami möchte nicht nach Hause zurück. Ein Heim ohne Lempi, aber mit einem Kind das er nicht kennt …

„Mit jedem meiner Atemzüge wirst du ein wenig mehr Geschichte, entweichst in die Vergangenheit und entfernst dich von mir, und das ist falsch, nach all dem. Wir hatten dieses Glück, und weil wir die Zukunft nicht kannten, nahmen wir an, es würde dauern.“ (Seite 51)

In diesem ersten Kapitel erzählt Viljami aus seiner Sicht das Geschehene. In jedem Satz spürt man die Sehnsucht nach Lempi und Viljamis Verzweiflung über den Fortgang von Lempi. Ich erlebe seine innere Zerrissenheit … eigentlich will er kein Leben ohne Lempi, aber er hat die Verantwortung für das Kind. Was soll er machen …

„Wie du mir erzählt hast, was du aus Büchern weißt und was man alles tun kann, damit die Liebe lebendig bleibt, ganz selbstverständlich hast du darüber gesprochen. Immer wieder fällt mir das ein, dabei ertrage ich die Erinnerung keine Sekunde, denn all das ist vergangen und kommt nicht wieder.“ (Seite 59)

Elli war schon immer ein wenig verliebt in Viljami. Umso mehr freut sie sich, als er sie bitte auf seinem Hof als Magd zu arbeiten. Allerdings stört es sie, dass ausgerechnet für/ mit Lempi arbeiten soll, der verzogenen Kaufmannstochter. Doch Elli macht das Beste daraus, Hauptsache sie kann in Viljamis Nähe sein. Sie hilft Lempi bei der Entbindung und bleibt mit dem Kind allein auf dem Hof nachdem Lempi fort ist. Sie hofft und wartet darauf dass der Krieg zu Ende geht und Viljami zurück kommt.

„Die Tür ging auf, ein Paar trat ein, und erst habe ich Viljami gar nicht erkannt, nicht einmal gesehen, du hast allen Raum eingenommen. Manche Leute sind so, verbrauchen sämtlichen Sauerstoff. Umgeben sich mit einem seltsamen Licht, und sobald sie in die Stube treten, werden alle anderen unsichtbar, und unsereins bleibt im Dunkeln. Ihr Licht strahlt nicht auf andere ab, nicht in die dunklen Ecken und Winkeln, und aus ihrem Licht heraus sehen sie nicht, dass auch wir Menschen sind, mit Wünschen, Angst und Trauer, oder mit verborgener Trauer. Wenn wir fehlen, merkt das keiner.“ (Seite 98)

Im Zweiten Kapitel erzählt Elli über ihr Zusammenleben mit Lempi und Viljami. Dabei lässt sie kein gutes Haar an Lempi. Als Leserin spüre ich den Hass geradezu, den Elli gegen Lempi hegt. Hier passieren einige Dinge, die dem Buch/ der Geschichte eine vollkommen neue Wendung geben.

„So warst du, völlig anders als ich. Natürlich hat man über uns geredet. Überhaupt, wo gab’s denn sowas: Zwillinge. Gleich bei der Geburt bekam ich die brave Rolle zugeteilt und auch den unbedeutenderen Namen, Sisko, Schwester. Mein ganzes Leben wuchs ich nicht über mich hinaus. Ich hatte nicht das Zeug, so frei zu sein wie du.“ (Seite 136)

Sisko ist die Zwillingsschwester von Lempi. Die Zweitgeborene. Die beiden verstehen sich gut, obwohl Sisko immer ein wenig im Schatten der Schwester steht. Nachdem Lempi geheiratet hat, wollte Sisko eigentlich studieren. Doch nachdem der Krieg ausgebrochen ist kommt alles anders. Sie verliebt sich in einen Deutschen und geht mit ihm nach Deutschland. Doch in Deutschland angekommen misshandelt dieser Sisko und lässt sie links liegen. Allein in Deutschland versucht Sisko sich durchzuschlagen. Doch letztendlich geht sie nach Finnland zurück. Dort wird sie interniert und ohne Ende verhört. Irgendwann kommt sie frei …

„Ich beneidete dich um deine Eheschließung, um die verzauberten Blicke deines Mannes, um das Versprechen, das ihr euch gabt. (…) Ich blieb zurück. Alles hatte sich so entwickelt, wie es vorher gewesen war: Ich war die Vernünftige, und du die zu Abenteuern Angestiftete.“ (Seite 159)

Im dritten und letzten Teil erfahre ich etwas über die beiden Schwestern. Ihr Leben und ihr Miteinander bis zu dem Tag an dem Lempi und Viljami heiraten. Dann wird Siskos Leben weiter erzählt. Ein Leben voller Hoffnung und Sehnsucht … nach Liebe und der Schwester. Auch hier passieren unerwartete Dinge, die dem Buch noch einmal eine vollkommen andere Wendung geben.

„An vielen Stellen kann man überlegen und nochmal zurück. Man hat die Möglichkeit, an die letzte Kreuzung zu gehen und sich anders zu entscheiden. Wenn man aber so abscheulich behandelt und grundverlassen erlebt hat und erfährt, dass von nirgends eine Antwort kommt, so sehr man auch sucht, dann hilft nichts mehr. Man mag sich noch umdrehen, aber die Kreuzung ist verschwunden. Es bleibt einem nur, den bisherigen Weg fortzusetzen und zu vergessen, dass alles einmal ganz anders war, dass wir zu zweit lebten und die Welt gut war.“ (Seite 189)

Eine unglaubliche Geschichte, die während des Zweiten Weltkriegs in Finnisch Lappland spielt. Im Nachwort der Übersetzerin finde ich Hinweise auf die Rolle von Finnisch Lappland während des Zweiten Weltkriegs mit Deutschland. Die Beziehung zwischen den Ländern war sehr wechselhaft. Zuerst Freunde, später dann eher Feinde.

Dieses Buch ist unglaublich intensiv und mitreißend. Die Autorin schafft es in den einzelnen Kapiteln die Gefühle ihrer Protagonisten lesbar zu machen. Ich konnte so sehr Viljamis Liebe und Verlust spüren, wie auch Ellis Hass und Siskos Sehnsucht. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich von der ersten Seite an so begeistern konnte. Auch die Wendungen haben mich immer unerwartet getroffen und begeistert.

Einfach nur grandios und ein weiteres Highlight in diesem Lesejahr!!! Unbedingt lesen!!!

So laut und so leise

Heyne
Fester Einband
400 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.03.2018
Preis: 16,00 Euro
ISBN: 9783453271593

Klappentext
Es gibt Momente, die teilen das Leben in Vorher und Nachher. Kristophers Selbstmord ist so ein Moment für Luise. Vorher war sie ein unscheinbares Mädchen, jetzt ist sie allein. Sie rasiert sich die Haare ab und errichtet eine Mauer um sich, die sie vor der Welt beschützt und gleichzeitig ausschließt. Dann begegnet sie Jacob. Er ist still und misstrauisch – und fasziniert von ihr.
Doch erst als Luise Nachrichten von Kristopher bekommt – E-Mails aus der Zwischenwelt, mit Aufgaben für seine kleine Schwester -, macht sie einen Schritt auf Jacob zu. Und so entsteht ganz langsam und zart zwischen Abschied und Loslassen etwas vollkommen Neues.

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„Mein Bruder war die finstere Nacht und das hellste Licht. Ein Vakuum und drei Tage später wieder euphorisch und voller Tatendrang. Früher dachte ich alle Menschen wären so. Aber nur er war so. So laut und so leise.“ (Seite 32)

Kristopher ist tot. Luises Bruder hat sich das Leben genommen. Luise fühlt sich allein gelassen. Kristopher war ihr Universum. Ihr bester Freund, ihr Vertrauter. Und jetzt ist sie allein und weiß nicht wohin mit ihrem Schmerz, ihrem Verlust. In ihrer Wut und Trauer rasiert sie sich ihre Haare ab und baut eine Mauer des Schweigens um sich herum auf.

Ihre Mutter, die in ihrer eigenen Trauer verhaftet ist, findet immer wieder und wieder Gründe keine Zeit mit Luise zu verbringen. Sie kann in ihrem eigenen Schmerz nicht den von Luise auch noch ertragen. Und somit ist Luise vollkommen auf sich gestellt.

Auch der Psychologe zu dem sie wöchentlich geht kommt nicht an Luise heran. Nach einer Sitzung bricht sie im Treppenhaus zusammen. Dort trifft sie das erste Mal auf Jacob.

„Wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, endet nicht nur seines. Er zerstört das gesamte Gefüge. Die Ordnung . Das Gleichgewicht. Wie eine Druckwelle, nachdem eine Bombe detoniert. Was bleibt, ist emotionale Verwüstung. Alle sagen, man soll reden. Aber das ändert nichts. Über den Tod zu sprechen kann ihn nicht rückgängig machen. Man versucht nur, Worte zu finden, wo sie einem fehlen.“ (Seite 163)

Jacob lebt mit seinem Halbbruder in dem Haus, in dem Luises Psychotherapeut seine Praxis hat. Jacob ist ein sehr stiller und in sich gekehrter junger Mann. Auch Jacob hat als Kind jemanden verloren. Als er auf Luise im Treppenhaus trifft fühlt er sich von diesem Mädchen angezogen. Er hat das Gefühl sie beschützen zu müssen. Doch Luise stößt ihn immer wieder weg. Will niemanden an sich heranlassen.

Dann kommt an Luises Geburtstag plötzlich eine E-Mail von Kristopher aus der Zwischenwelt. In dieser Mail kündigt er weiter an und Aufgaben, die Luise für ihn erledigen muss, damit er diese Zwischenwelt verlassen kann.

Luise bittet Jacob ihr zu helfen, da sie das nicht alleine schafft. Und so ganz langsam reißt die Mauer um Luise ein …

„Ich glaube an Zufälle. An den freien Willen. An Kettenreaktionen. Wenn es mir nach geht, ist das Schicksal was für Leute, die zu viel Angst davor haben, die Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. So ist immer jemand anders schuld. Alles sollte so kommen. Sie sind den Launen der Vorsehung hilflos ausgeliefert. Ich halte das für Blödsinn.“ (Seite 70)

WAHNSINN!!! Ich habe dieses Buch an einem Tag gelesen und bin immer wieder fasziniert wie sensibel und einfühlsam Anne Freytag mit schwierigen Themen umgeht. Selbstmord, Tod, Verlust, Trauer … sind die Themen in diesem Buch. Ich weiß nicht wie die Autorin es schafft, aber ich als Leserin kann mich in den Gefühlen von Luise und Jacob wiederfinden. Kann den Schmerz, die Wut, die Fassungslosigkeit und die Ängste die Luise nach dem Freitod ihres Bruders hat, beim Lesen spüren.

Mir hat auch die Mischung sehr gut gefallen. Das Thema Tod/ Trauer ist durchweg das Hauptthema im Buch bis zum Endo. Doch die Annäherung von Luise und Jacob ist auch ein wichtiger Teil im Buch, der zeigt, dass aus einem Verlust auch immer etwas Neues wachsen kann.

„Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass Zeit nicht wiederkommt. Dass eine Minute nach der anderen unerbittlich aus unserem Leben stirbt und dass wir jeden Moment aufs Neue entscheiden müssen, ob wir sie verschwenden oder nutzen.
Das Jetzt sollte gut sein. Denn uns bleibt nur das Jetzt. Und mein Jetzt ist gut. Diese Minute riecht nach geschmolzener Butter und nach Erdbeeren.
Und ein bisschen nach Jacob.“ (Seite 187)

Dies ist das dritte Buch von Anne Freytag, das ich gelesen habe. Das erste hieß „Mein bester letzter Sommer“ und das zweite „Den Mund voll ungesagter Dinge“ Alle drei haben mein Herz sehr berührt!!!

Ich frage mich ernsthaft wie macht diese Frau das? Wie schafft sie es immer und immer wieder sehr sensible Themen in so wundervolle, einfühlsame und realistische Geschichten zu verpacken?

Chapeau Anne Freytag und DANKE für diese wundervollen Bücher. ♥♥♥

„Denk immer daran, Lise, man ist immer nur eine Entscheidung von einem völlig anderen Leben entfernt.“ (Seite 220)

Mehr als nur ein „Achtsamkeits-Roman“

Knaur Taschenbuch
Flexibler Einband
368 Seiten
Erscheinungsdatum:
12.01.2018
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783426519691

Rückentext
Leon lebt sein Leben nicht – er hetzt hindurch. Für ihn zählt nur eines: Erfolg und Geld – und das innerhalb kürzester Zeit. Diese Geschwindigkeit wird ihm zum Verhängnis, als er sich eines Tages auf der Fahrt durchs Chiemgau mit dem Auto überschlägt.
Johanna, die gerade auf ihrem Achtsamkeitsspaziergang ist, entdeckt den in seinem Sportwagen eingeklemmten Leon, leistet Erste Hilfe und verständigt den Notarztwagen. Johanna ist klar: Das ist er, der Eine, den sie nie wieder loslassen darf. Sie bringt ihn ins Haus ihrer geliebten Großmutter Marceline, einer ganz ungewöhnlichen Frau mit nur einem Wunsch: so viele besondere Momente wie möglich zu sammeln, bevor sie ganz im Vergessen versinken.

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„Kein Krieg ist mein Krieg oder dein Krieg oder der Krieg eines vernünftig denkenden Menschen, antwortet Marceline. Er ist immer nur der Krieg von verwirrtem Denken.“ (Seite 67)

Dieses Buch besteht eigentlich aus mehreren Geschichten/ Schicksalen, die miteinander verknüpft wurden.

Da ist Leon, ein junger Mann, der auf der Überholspur des Lebens unterwegs ist. Schöne Frauen und Autos, Karriere und Geld, Partys und Drogen … das ist seine Welt. Eines Tages verunfallt er. Dabei trifft er auf Johanna, die so ganz anders ist, als die Frauen, die er bisher kennen gelernt hat. Johanna schafft es, das Leon sich öffnet und sich dem Tod seiner Eltern insbesondere seines Vaters stellt.

Kio, fast noch ein Kind und aus seiner Heimat geflohen, lebt bei Johanna und Marceline. Er liebt die beiden, doch seine Vergangenheit holt ihn immer wieder und wieder ein. Auch die Integration im Ort wird ihm schwer gemacht.

Marceline, ist die Großmutter von Johanna. Sie führt eine Whiskybrennerei und versucht mit allen Mitteln zu vertuschen, dass sie dement ist.

Und dann ist da noch Johanna. Wächst ohne Mutter bei ihrer Großmutter auf. Diese hat das Kind früh bei der Mutter geparkt. Johanna weiß nicht wo ihr Platz im Leben ist. Sie sorgt sich rührend um ihre Großmutter und um Kio.

„Dement zu sein, hatte auch seine Vorteile. Man konnte machen, was man wollte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Für den Bruchteil einer Sekunde waren Marceline und Demenz einander sympathisch. Dann war die Traurigkeit wieder da, und die Melodie des Abschieds (…)“ (Seite 317/ 318)

Wie man an den kurzen Zusammenfassungen sehen kann, ist dies ein vielschichtiger Roman. Es geht unter anderem um Trauerbewältigung, den Verlust der Eltern, Demenz und den damit verbundenen Ängsten und Auswirkungen, sowie dem Thema Flucht und Bewältigung von Folter und Gewalt, sowie die Integration als Flüchtling in die Gemeinschaft.

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen, doch an manchen Stellen kamen dann die einzelnen Themen doch zu kurz. Ich hätte gern mehr über Kios Leben erfahren, oder Marceline und ihr Leben mit der Demenz. Aber natürlich hat man als Autorin nur begrenzte Möglichkeiten.

Von Nicole Walter habe ich bereits andere Bücher gelesen und wusste daher, dass diese mich immer nachhaltig beschäftigen.

Marceline sammelt Augenblicke, um diese nicht zu vergessen. Ich mache ähnliches. Ich sammle auch Erinnerungen … in Form von Bildern, Sprüchen, Eintrittskarten … um mich später irgendwann einmal daran zu erinnern. Ich habe sogenannte Erinnerungskisten auf dem Speicher stehen. Und gerade gestern habe ich noch einen Bericht im Radio gehört, dass man glückliche Momente sammeln soll, um sich dann in unglücklichen Momenten daran erinnern zu können. Das hat dann positive Auswirkungen.

„Wenn eine Mutter nie eine Mutter war, kann sie nicht erwarten, dass sich später eine Tochter wie eine Tochter benimmt.“ (Seite 332)

Etwas möchte ich dennoch „kritisieren“ … mich ärgert es immer, wenn Verlage bei der Auswahl der Cover und Titel so danebenhauen wie bei diesem Buch. Auch der Klappentext ist eigentlich unmöglich. Warum? Dieses Buch hat so viel mehr zu bieten, als einen lustig leichten „Achtsamkeitsroman“. Hätte ich nicht bereits Bücher von Nicole Walter gelesen, hätte ich dieses Buch nicht einmal in Betracht gezogen.

Also … lasst Euch nicht abschrecken. Lest es!!!

Jeder Tag lässt genau das in einem zurück, was man aus ihm gemacht hat …“ (Seite 63)

Manchmal …

Mare Verlag Fester Einband  208 Seiten  Erscheinungsdatum: 14.02.2017  Preis: 20,00 € ISBN: 9783866482425

Mare Verlag
Fester Einband
208 Seiten
Erscheinungsdatum:
14.02.2017
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783866482425

Klappentext
Sachen gibt es, die gibt es gar nicht. Einen Eisbrocken etwa, der mitten im Sommer vom Himmel stürzt und der achtjährigen Saara auf tragische Weise die Mutter nimmt. Schweren Herzens muss das Mädchen mit ihrem Vater das geliebte Sägemehlhaus verlassen und zu ihrer Tanta Annu ziehen. Doch auch dieser widerfährt wenig später Unglaubliches, als sie zum zweiten Mal im Lotto gewinnt – und vor Schreck in einen dreiwöchigen Dornröschenschlaf fällt. Und während Saara ihren einzigen Vertrauten Hercule Poirot um Hilfe anfleht, schreibt Annu auf der Suche nach Antworten Briefe an einen Fischer in Schottland, der bereits zum vierten Mal vom Blitz getroffen wurde und sein Schicksal dennoch jeden Tag aufs Neue herausfordert.

∗∗∗∗∗

„Ich denke viel über die Zeit nach. Ich habe graue Zellen im Gehirn, wie Hercule Poirot. Mit denen denke ich darüber nach, wie die Zeit vergeht und Wunden heilen. Die Erwachsenen sagen, die Zeit heilt alle Wunden, und damit ist gemeint, dass die Zeit vergeht und sich deswegen alles, was passiert in Gedanken verwandelt und man sich immer schlechter daran erinnern kann. Wenn man sich dann nur noch ganz schlecht erinnert, ist die Wunde verheilt.
(…)
Also sitze ich auf der Rückbank und sage „Nichts“ und denke an die heilende Kraft der Zeit und beschließe, mich sicherheitshalber jeden Tag an meine Mutter zu erinnern, bevor die Zeit zu viel heilt.“ (Seite 10/ 11)

Die Geschichte ist in vier Kapitel unterteilt. Im ersten lerne ich Saara kennen, die gerade auf tragische Weise ihre Mutter verloren hat. Wie, dass erfahre ich zunächst nicht, sondern ich lerne Saara mit all ihrer Trauer und auch Wut kennen. Sie kann nicht verstehen, was passiert ist, denn sie ist erst acht Jahre alt. Ihr Vater ist keine wirkliche Hilfe, da er in seiner eigenen Trauer gefangen ist.  Saara stellt sich viele Fragen, sucht nach einem Warum, einem Halt, irgendetwas das den Verlust der Mutter erklären kann. Doch sie findet nur die Märchen, die ihre Mutter ihr immer erzählt hat. Die bieten ihr Trost und Halt.

Im zweiten Abschnitt geht es um Annu. Saaras Tante, bei der Saara und ihr Vater nach dem Tod der Mutter vorrübergehend leben. Und auch ihr passieren merkwürdige Dinge. Nachdem sie das zweite Mal im Lotto gewonnen hat, fällt sie in einen mehrwöchigen Schlaf. Aber als anders als Saara ist Annu in der Lage sich mit dem Geschehenen auseinander zu setzen, da  sie die Erfahrung eines Erwachsenen hat. Annu findet im Internet einen Mann, dem auch seltsame Dinge zugestoßen sind und schreibt ihm. Es entsteht ein reger Briefwechsel, in dem ich viele kuriose Dinge und Zufälle erfahre.

Dann erzählt die Geschichte Pekkas Leben. Von seiner Liebe zu Saaras Mutter, dem ersten Kennenlernen bis hin zu Saaras Geburt. Doch anders als bei Saara ist er scheinbar schnell über den Tod der Mutter hinweg und heiratet eine andere Frau, die ein Kind von ihm bekommt. Doch auch diese Ehe steht unter keinem guten Stern …

Im letzten Teil geht es wieder um Saara und die Geburt ihrer kleinen Schwester. Es sind ein paar Jahre seit dem Tod der Mutter vergangen. Die „neue“ Familie lebt wieder im „alten“ Haus. Saara stellt sich dem Tod der Mutter in ihren Träumen und scheint langsam deren Tod zu verarbeiten. Und die kleine Schwester wird geboren. Ein Kind das keine große Lebenserwartung hat.

„Mal kommt der Weltuntergang, mal bricht schlagartig das Paradies aus. Mal stirbt jemand so unbemerkt, dass man es gar nicht kapiert. Vielleicht versucht so eine Person dann, als Gespenst wiederzukehren und seine unfertigen Geschichten weiterzuerzählen. Obwohl sie eigentlich einfach nur fortgehen sollte. Am Straßenrand und das Auto davonfahren lassen. Sich in Schwarz-Weiß verwandeln. Kleiner werden und die Zeitform ändern.“ (Seite 202)

Dies ist mein zweites Buch von Ahava, das ich gelesen habe. Daher wusste ich vom sprachlichen Stil her, was mich erwartet. Ahava hat einen ganz eigenen Stil zu schreiben. Trotz anspruchsvollem Thema (Sterben, Tod, Trauer) fühlt man sich beim Lesen auf einer Wolke. Einer Wolke der Leichtigkeit. Ahava greift  immer wieder zu Bildnissen aus Märchen, um  diese schweren Themen „abzuarbeiten“ und lässt so Saara verstehen, was passiert ist.

Auch mag ich wieder die vielen philosophischen Ansätze über das Leben, den Tod und all die Dinge die wir so selbstverständlich nehmen. Aber nichts sollet in unserem Leben selbstverständlich sein. Wir sollten vielmehr die Augenblicke des Lebens genießen, jeden einzelnen, denn das Leben ist nicht berechenbar, es ist nicht endlos, auch wenn es uns manchmal so vorkommt.

Dieses Buch ist anders, dieses Buch ist skurril, dieses Buch ist irre und lässt den einen oder anderen verwirrt zurück. Doch dieses Buch muss man wie das Leben betrachten … neugierig, offen, ehrlich, schonungslos, sentimental, traurig, märchenhaft … einfach wunderschön!

„Die Welt geht weiter. Nichts ist klar, aber die Zeit heilt alle Wunden, und der Mensch vergisst. (…) Dinge passieren. Gleichzeitig, zur falschen Zeit, zu verschiedenen Zeiten, an den falschen Orten.“ (Seite 203)

 

4 von 5 Sternen 

Wunderschöne Geschichte in einer tollen Kulisse ♥

Insel Verlag Flexibler Einband  350 Seiten Erscheinungsdatum: 09.05.2015  Preis: 9,99 € ISBN: 9783458360773

Insel Verlag
Flexibler Einband
350 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.05.2015
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783458360773

Klappentext
Stow-on-the-Wold ist ein kleines idyllisches Städtchen in den Cotswolds im Herzen Englands. Hierher verschlägt es die dreißigjährige Annett aus Berlin: Völlig überraschend hat sie ein kleines Hotel geerbt, das ihrer Großmutter gehört. Beim Anblick der sanft geschwungenen Hügel fühlt sie sich sofort heimisch und beschließt, Berlin hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen: beruflich und auch in der Liebe. Schon bald lernt sie den charmanten Landschaftsarchitekten Edward kennen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen, doch Edward scheint zu zögern …

∗∗∗∗∗

„Eine Liebe bliebt eine Liebe. Selbst wenn sie zerbricht.“ (Seite 61)
„Wahre Liebe erwartet nichts, deshalb zerbricht sie auch nicht.“ ( Seite 84/85)

Annett hat ihr Leben in Berlin. Sie arbeitet als Mediatorin und langsam fasst sie damit Fuß. Mit Ingo glaubt sie den perfekten Partner an ihrer Seite zu haben. Doch an einem einzigen Tag bricht ihre Welt zusammen. Statt des erhofften Heiratsantrags verkündet Ingo, dass er für ein Jahr nach Amerika gehen wird. Annett trennt sich von Ingo. Am gleichen Abend erfährt sie, dass ihre geliebte Großmutter Jetta plötzlich verstorben ist. Sie macht sich sofort auf den Weg nach England.

„Jettas Tod erinnert mich daran, dass ich etwas Wichtiges versäumt habe. Jemandem nahe zu sein und dadurch mich selbst zu erkennen.“ (Seite 128)

In Stow-on-the-Wold angekommen, kümmert sie sich erst einmal um die Beerdigung ihrer Großmutter und das kleine Hotel, welches der Großmutter gehörte. Bei den Vorbereitungen für die Beerdigung trifft sie auf Edward, der ihre Großmutter Jetta gekannt hat. Beide fühlen sich voneinander angezogen. Doch Edward hat mit seinen eigenen Familienverhältnissen zu kämpfen.

„Er spürte, dass er im Begriff war, sich auf eine völlig neue Weise zu verlieben. Nicht nur mit Herz und jeder Faser seines Körpers, wie er es kannte. Diesmal war es, als würde er an einen warmen, sicheren Ort schlüpfen, wo es nur noch die Liebe gab.“ (Seite 212)

Annett fühlt sich wohl in diesem Hotel und auch in den Cotswolds. Bei der Testamentseröffnung wird schnell klar, dass Annett und nicht ihre Mutter das Hotel geerbt hat. Doch wird Annett das Erbe annehmen? Und wie reagiert ihre Mutter auf das Testament?

„Ich habe mich verliebt, weil ich das Leben, das wir damals führten, nicht mehr ertragen konnte. Wir hatten das Wunder des Lebens verloren. Wir haben nur noch existiert. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, als emotional auszuweichen.“ (Seite 254)

Ein wundervoller Roman, den ich an einem Sommertag gelesen habe. Man taucht ein, und mag gar nicht mehr wieder zurück kommen. Mit jeder Seite fühlte ich mich Annett verbunden. Konnte die Cotswolds riechen und bildliche vor mir sehen. Die wundervollen Garten und Cottages weckten eine Sehnsucht in mir, sofort hinzureisen. Diese Sehnsucht wurde noch größer, als die Autorin Gabriele Diechler Bilder dieser Gegend auf Facebook postete. Sie hatte sie bei einer Recherchereise dort aufgenommen.

Der Roman gliedert sich zu Anfang in zwei Erzählstränge. Später fällt einer weg, dafür gibt es dann hin und wieder Rückblicke, sowie Tagebucheinträge. Der Stil lässt sich flüssig lesen.

Thematisch befasst sich Gabriele Diechlers Roman … mit den gestohlenen Biografien der Kinder der Widerstandskämpfer …  dem Verlust und Suche der eigenen Identität … dem Verzeihen und Loslassen …

„Eine kluge Frau hat einmal zu mir gesagt, Verzeihen sei, als würde man zum ersten Mal auf ein Fahrrad steigen und losfahren. Der Entschluss, es zu versuchen und fest in die Pedale zu treten, reiche aus.“ (Seite 343)

An dieser Stelle möchte ich auch einmal das Nachwort erwähnen. Ich liebe Nachworte. Gabrieles Nachwort hat mich sehr berührt. Es zeigt wie engagiert sie ist. Wie sehr ihr das Schreiben, aber auch die Leser*innen am Herzen liegen. Keine an sie gestellten Fragen bleiben unbeantwortet und wie schon erwähnt, gibt sie auch Details, wie die Bilder auf Facebook, preis.

„Die Liebe ist seit langem mein Leitmotiv, und das Leben bietet mir immer wieder Gelegenheiten, mich noch eingehender damit zu befassen. Besonders in schwierigen Momenten durfte ich entdecken, dass die Liebe nie vergeht, sie ist sogar im Schatten zu finden – wenn wir selbst das Licht sind, Traurigkeit annehmen und sie so irgendwann in Zuversicht wandeln.“ (Seite 362)

Liebe Gabriele, mit den nachfolgenden Worten aus Deinem Nachwort sprichst Du mir aus der Seele. Ich freue mich, dass ich Dein Buch lesen durfte. Es hat mir viel geschenkt. Dafür danke ich Dir sehr ♥♥♥

„Große Freude empfinde ich, wenn ich an die Menschen denke, die Bücher lieben, kaufen, lesen, weiterempfehlen, besprechen, die ohne die Geschichten, die wir Autorinnen und Autoren uns ausdenken, nicht sein wollen.
Die Liebe zu Büchern, zum Wort, zu Geschichten eint uns!!!“ (Seite 263)

Unbedingt lesen, denn …

„Tu alles, was du kannst, in der Zeit, die du hast, an dem Ort, wo du bist!“ (Nikosi Johnson)

 

5 von 5 Sternen

Halt dich an deiner Liebe fest

Arche Verlag Fester Einband 320 Seiten Erscheinungsdatum: 01.09.2014  Preis: 19,99 € ISBN: 9783716027158

Arche Verlag
Fester Einband
320 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.09.2014
Preis: 19,99 €
ISBN: 9783716027158

Klappentext
Ein Sommertag im Jahr 1976: In einer schwäbischen Kleinstadt wird ein Mädchen namens Ira geboren und muss früh lernen, dass es von der Mutter nicht geliebt wird und dem Vater nicht zu nahe kommen darf. In Ostberlin kommt der neunjährige Lew in eine neue Familie, nachdem seine Eltern Republikflucht begangen haben. In einem jugoslawischen Dorf begibt sich der vierjährige Fido mit seinem Großvater auf die Reise nach Deutschland und wird nie mehr nach Hause zurückkehren.
Ira, Fido und Lew: Sie begegnen einander zu unterschiedlichen Zeiten, als Kinder die einen, als Erwachsene die anderen, für sie ist es die große Liebe. Doch sie können nicht bleiben, weil sie den Ort nicht kennen, der ihre Heimat ist, und weil auf ihrer Kindheit ein Schweigen lastet, das schwerer wiegt als die Gegenwart. Erst als im Jahr 2005 Iras Vater im Sterben liegt und Lew überraschend eine Nachricht aus Indien erhält, eröffnet sich ein Weg in die Vergangenheit, der ein Ankommen noch möglich macht.

∗∗∗∗∗

Ira lebt mit ihrem Sohn John bei Evi. Evi hat eine Backstube in der Ira arbeitet. Iras Elternhaus liegt in der gleichen Straße. Es ist das Jahr 2005 und Iras Vater liegt im Sterben. Täglich ist sie bei ihm und muss sich der Vergangenheit stellen. Einer Vergangenheit, die sie geprägt hat. Ihre Mutter hat sie misshandelt und nicht geliebt. Das was die Mutter zu wenig geliebt hat, hat der Vater zu viel geliebt. Dennoch ist er seinem Mädchen nie zu nahe gekommen, konnte der Versuchung immer widerstehen.

Wenn niemand bei dir is‘ und du denkst,
daß keiner dich sucht,
und du hast die Reise ins Jenseits vielleicht
schon gebucht
und all die Lügen geben dir den Rest:
Halt dich an deiner Liebe fest. (Zitat am Anfang des Buches von Rio Reiser, 1975)

Fido verlässt als vierjähriger mit seinem Großvater die Heimat Jugoslawien um in Deutschland Fidos Mutter zu finden. Die hat die Heimat und ihren Sohn verlassen, um in Deutschland das große Glück zu finden. Fido und sein Großvater stranden in der Straße, in der auch Ira lebt. Fido und Ira vereint eines … die fehlende Liebe der Mutter …

Wenn der Frühling kommt und deine Seele brennt,
du wachst nachts auf aus deinen Träumen,
aber da is‘ niemand, der bei dir pennt,
wenn der, auf den du wartest,
dich sitzen läßt:
Halt dich an deiner Liebe fest. ( Zitat am Anfang des Buches von Rio Reiser, 1975)

Lew reist nach Indien, um nach dreißig Jahren auf seinen Vater zu treffen. Er hofft dort Antworten auf Fragen zu bekommen, die ihn sein ganzes Leben beschäftigen. Warum haben seine Eltern Republikflucht begangen und warum haben sie die Kinder dort alleine zurück gelassen? Doch die Antworten darauf sind anders, als Lew vermutet hätte …

Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht,
und du bist so müde, weil du nicht mehr weißt,
wie’s weitergeht,
wenn dein kaltes Bett dich nicht schlafen läßt:
Halt dich an deiner Liebe fest. (Zitat am Anfang des Buches von Rio Reiser, 1975)

Dies ist wieder eines dieser Bücher, das man gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Pia Ziefle schafft es mit sehr leisen und melancholischen Tönen eine Geschichte zu erzählen, deren Inhalt explosiv ist. Es ist eine Geschichte von Liebe, Verlust, Ängsten,  Antworten, Verzeihen und Ankommen … und dies alles hat die Autorin so perfekt miteinander verbunden wie einen geflochtenen Zopf.

Unbedingt lesen. ♥♥♥

5 von 5 Sternen

 

It goes on and on and on

Blessing Verlag Fester Einband 432 Seiten Erscheinungsdatum: 30.03.2015  Preis: 21,99 € ISBN: 9783896675262

Blessing Verlag
Fester Einband
432 Seiten
Erscheinungsdatum:
30.03.2015
Preis: 21,99 €
ISBN: 9783896675262

Klappentext
Amerikanischer Mittelwesten, Anfang der 1950er-Jahre: Chic Waldbeeser hat gerade seine High-School-Liebe Diane geheiratet und sieht hoffnungsfroh in eine Zukunft als Familienvater und Eigenheimbesitzer. Sein Bruder Buddy ist ein ruheloser Geist, dem es schwerfällt seinen Platz im Leben zu finden und sesshaft zu werden, und der nicht weiß, dass seine Frau Lijy ihr eigenes Geheimnis hütet. Über fünfzig Jahre hinweg werden die beiden Brüder versuchen, trotz aller Schicksalsschläge und Niederlagen immer weiter zu machen. Und Chic wird im Alter noch eine letzte Chance bekommen, sein Glück zu finden.

∗∗∗∗∗

„Sein Wunsch nach einer Verbindung zu einem Menschen oder einer Sache war so stark, dass er sich fühlte, als würde in seinem Inneren ein Mixer rotieren und ständig seine Sehnsucht umrühren.“ (Seite 281)

Die beiden Brüder Chic und Buddy sind die „eigentlichen“ Hauptprotagonisten. Sie müssen schon früh den Selbstmord ihres Vater erleben und die Flucht ihrer Mutter mit einem anderen Mann. Auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit heiraten die beiden, jeder in der Hoffnung es besser zu machen als die Eltern. Doch die traumatische Erfahrung und erlernten Muster  in der Kindheit prägt ihr Handeln in der eigenen Familie.

Aber auch die anderen Protagonisten, und das sind in meinen Augen all die Menschen, die das Leben der beiden Brüder streifen oder teilen, haben ihr Päckchen zu tragen. Alle träumen von einem besseren Leben, eines das nicht so sein soll, wie dass der Eltern oder Menschen die ihnen nahe stehen.

„Aber sie wusste es besser. Denken blieb immer Denken, unabhängig von den Gedanken. Die Frage war, ob das Problem vom Denken kam oder von den Gedanken. Sie war nicht so von sich eingenommen zu glauben, dass die anderen bessere Gedanken hatten. Sie waren alle nicht schlecht dran, jeder Einzelne, die ganze Welt. Alle dachten nach, also musste es am Denken liegen, nicht an den Gedanken. Mit dieser Denkerei musste endlich Schluss sein.“ (Seite 244)

Jeder einzelne von ihnen versucht sich immer und immer wieder in einem Neuanfang, glaubt, wenn er es anders macht, könnte es klappen. Ein neuer Partner oder ein andere Wohnort. Andere Menschen und andere Städte. Doch schnell wird mir und auch den Protagonisten klar, sie fallen immer wieder in ihre alten und erlernten Muster zurück. Irgendwie ist kein wirkliches Entkommen möglich. Das lässt sie irgendwann erstarren. Sie glauben nicht daran, dass sie einen Neuanfang schaffen können, dass sie das Leben leben können, dass sie sich erträumen. Als Leser möchte ich sie rütteln und schütteln, und sie aus ihrer Erstarrung herausholen, denn diese Monotonie, die alle erleben macht mich kirre.

„Jeden zu kennen bedeutete, dass das Leben seine Überraschung verlor, und das kann Chic entgegen, weil er es nicht leiden konnte, wenn ihn das Leben aus dem Hinterhalt ansprang.“ (Seite 33)

Diese Monotonie bringt der Autor Ryan Bartelmay sprachlich sehr gut rüber. Die ganze Geschichte ist eher traurig und melancholisch geschrieben. Der Autor schafft es damit, dass ich die Verzweiflung der Protagonisten förmlich spüren kann. Ihr Bestreben etwas zu ändern, ihr Scheitern, ihren erneuten Versuch es zu wagen, ihre Resignation und letztendlich die Erkenntnis …

„Das Leben hat seine eigene Dynamik. Voran, voran, immer weiter voran.“ (Seite 297)

Dieses Buch spaltet wieder einmal die Leser. Viele halten es für langweilig und unaufgeregt. Mir persönlich hat dieses Buch sehr gut gefallen. Ein Buch, das man hinterfragen sollte, und nicht einfach runter lesen. Hier geht es in meinen Augen um Menschen, die erstarrt sind. In ihren Mustern festhängen. Aber sie sind auch Suchende … nach einem Ausweg aus diesen Mustern auszubrechen, es anders zu machen. Ob es ihnen gelingt? Lest selbst!
„Jeder Idiot kann eine Krise meistern;
es ist der Alltag, der uns zermürbt.“
-Anton Tschechow

Diese Textzeile steht am Anfang des Buches. Hätte man jedoch die erste Zeile an den Anfang des Buches gesetzt du die zweite Zeile an das Ende des Buches, wäre diese Geschichte die Mitte gewesen, und die Aussage dieser Textzeile gibt den Inhalt des Buches wieder.

Eigentlich ist dieser Roman eine Geschichte über uns Menschen. Eine Geschichte in der es darum geht unseren Alltag zu meistern, unser Leben auf die Reihe zu bekommen … tagein, tagaus … die einen schaffen das spielend, die anderen tun sich schwer, verzweifeln sogar daran. Es geht darum erlernte Muster zu durchbrechen und etwas zu wagen, vielleicht sogar einen Neuanfang, egal wie alt man ist … denn …

„Some will win, some will lose. Some were born to sing the blues. It goes on and on and on.” (Textzeile aus “Don’t stop believing” von Journey; Seite 394)

4 von 5 Sternen