Und ein Funken Hoffnung bleibt bis zum Schluss

Suhrkamp Fester Einband 154 Seiten Erscheinungsdatum: 07.03.2015  Preis: 16,95 € ISBN: 9783518424711

Suhrkamp
Fester Einband
154 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.03.2015
Preis: 16,95 €
ISBN: 9783518424711

Klappentext
Winters Garten, so heißt die idyllische Kolonie jenseits der Stadt, in der alles üppig wächst und gedeiht, die Pflanzen wie die Tiere, in der die Alten abends Geige spielend auf der Veranda sitzen, die Eltern ihre Säuglinge wiegen und die Hofhunde den Kindern das Blut von den aufgeschlagenen Knien lecken.
Winters Garten, das ist der Sehnsuchtsort, an den der Vogelzüchter Anton mit seiner Frau Fredericke nach Jahren in der Stadt zurückkehrt, als alles in Bewegung gerät und sich wandelt: die Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere in die Vorgärten und Hinterhöfen eindringen und der Schlaf der Menschen schwer ist von Träumen, in denen das Leben, wie sie es bisher kannten, aufhört zu existieren.

∗∗∗∗∗

„Man wartet viel, wenn man Kind ist, und: man erwartet viel. Als Kind besitzt man diese unsagbare Zeit, sich die Welt anzusehen. Man geht tastend durch die Welt und weckt die Gegenstände. Nie wieder weiß man so viel, und nie wieder verspricht man sich so viel von ihr. Nie wieder schaut man so uneitel auf all das, was anwesend ist um einen. Die Augäpfel sind Erdkugeln, auf denen eine Schwerkraft wirkt, die alle Bilder aus dem Äther zu ihnen herabzieht. Nie wieder sieht man in Kleinigkeiten so sehr Grund zu großen Hoffnungen.“ (Seite 20)

Der Roman setzt in Anton Winters Kindheit ein. Sein Leben in Winterschen Garten, der gleichzeitig eine Kolonie ist. Dort tummeln sich Menschen aller Art. Alte und Junge gleichermaßen. Das Ganze hat für mich etwas von einer Hippiekommune. Für Anton ist es das Paradies. Als Anton alt genug ist, bringt ihm sein Vater das Geigen bauen bei. Als seine Großmutter, die er sehr liebt, stirbt, verschwindet Anton aus der Kolonie.

„Noch heute liebte er so wie damals die Minuten nach dem Erwachen, in denen man ins Narrenkastel schaute und sich die Welt um einen herum erst langsam wieder herstellte, während der Körper noch eine Mumie, eine stille Hülle vom Schlaf war, in der sich nur die Augen bewegten. Diese Leere vor oder hinter der Welt, in die man hineinschaute. Auch wenn er heute gar nicht mehr weit schauen musste für diese Leere.“ (Seite 43)

Jetzt lebt Anton in der Stadt. Diese ist nur 1 Stunde Fahrt von der Kolonie entfernt. Hier arbeitet er als Vogelzüchter und jetzt erfahre ich auch das erste Mal, dass die Welt untergehen wird. Warum und wieso wird nicht näher beschrieben. Allerdings ist das Leben in der Stadt unerträglich. Regelmäßig gibt es Massenselbstmordpartys, die Stadt zerfällt immer mehr und das Leben weicht langsam aus allem und jedem heraus.

„Immer noch war das Leben ein Warten. (…)Jeder war abgenabelt, von der Zukunft, die er sich ausgemalt hatte, von all ihren Verheißungen und Herausforderungen.“ (Seite 47)

Eines Tages treffen Anton und Fredericke aufeinander, und sie verlieben sich ineinander. Für Anton ist es die erste Liebe. Und obwohl das Leben ja bald vorbei ist, versuchen die beiden ihre Liebe zu leben. Kurz vor der endgültigen Apokalypse gehen sie zurück in den Winterschen Garten.

„Sie hat ihn so vermisst. (…) All die kleinen Gesten, die die beiden miteinander verbanden, haben ihr so sehr gefehlt, und sie hat gewusst, dass niemand Neues kommen wird, um sie zu ersetzen. Ich glaube es war nicht nur der Verlust, es war auch der Liebeskummer, den man noch im Alter spürt, wenn man sich nicht erinnern kann, wann einem jemand das letzte Mal die Hand gehalten hat.“ (Seite 116)

Ich bin immer noch sehr aufgewühlt, denn dieses Buch hat mich echt umgehauen. Obwohl durch die Thematik eine durchgehende Weltuntergangsstimmung herrscht, gelingt es der Autorin Valeri Fritsch mit ihrer bildhaften und poetischen Sprache eine Sehnsucht in mir zu wecken, welche mit jeder Seite mehr wird. Eine Sehnsucht nach dem Leben, dem Lieben und den Kleinigkeiten in meinem Leben. Ich spüre die Hoffnung und die Erwartungen der Protagonisten, dass es doch irgendwie weiter geht … nach der Apokalypse.

„Alles, was war, teilt sich die Welt mit all jenem, was sein würde.“ (Seite 16)

Ich habe noch lange über dieses Buch nachgedacht und möchte an dieser Stelle einmal eine sehr gewagte Interpretation meinerseits dazu geben.

Nach dem Ende des Buches war für mich irgendwie klar, dass es sich bei Winters Garten um das Paradies handeln muss. Anton und all Bewohner dieses Gartens sind dort glücklich. Als Anton dann in die Stadt geht, in meinen Augen die Vertreibung aus dem Paradies, fühlt er sich allein und einsam. Erst nachdem er mit Fredericke wieder zurück geht, wird er wieder glücklich. Und selbst nach dem Ende der Welt befindet er sich im Paradies …

„Es herrschte eine Ruhe, in der man sich den Atem verhalten mochte, jene Stille, wie sie in den atemlosen Sekunden am Ende eines Theaterstücks eintrat, in denen alles schon vorbei war und man noch nicht wusste, ob es gut oder schlecht gewesen war, bevor der schwarze Vorhang fiel und das Publikum sich für Gnade oder Empörung entschied.“ (Seite 143/144)

Für mich ist dieses Buch definitiv eines meiner Highlights in 2015.
Chapeau Valerie Fritsch!!!

 

5 von 5 Sternen

Ich danke dem Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar.

Daphnes Welt

C. H. Beck Fester Einband 286 Seiten Aktuelle Ausgabe : 09.02.2012 Preis: 19,95 € ISBN 9783406630019

C. H. Beck
Fester Einband
286 Seiten
Aktuelle Ausgabe :
09.02.2012
Preis: 19,95 €
ISBN 9783406630019

Klappentext „Die Familie des Eisenbahners Bob Withers in der neuseeländischen Kleinstadt Waimaru wird von Unglück und Krankheit geplagt: Eine Tochter, Francie, stirbt durch einen tragischen Unfall, eine andere Daphne, erkrankt psychisch so schwer, dass sie in eine Heilanstalt eingewiesen werden muss, ihr Bruder Toby hat epileptische Anfälle. Hinter dem Drama der Familie werden aber auch gesellschaftliche Konflikte sichtbar: Kann man im ganz anders gearteten Kosmos Neuseelands einfach die Werte und Bildungsstandards des weißen Europas vermitteln, ohne Rücksicht auf die angestammt Kultur?

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Dieses Buch hat eine sehr traurige Grundstimmung. Durch die vielen Tragödien und Schicksale der Familie Withers kommt kein Glücksgefühl auf. Obwohl alle Kinder versuchen ihr Glück zu finden, jedes auf seine Weise, ist es ihnen letztendlich nicht wirklich möglich es zu finden. Nicht das von dem jeder Einzelne der Familie träumt.

Das Buch ist in mehrere Kapitel gegliedert. In jedem Kapitel geht es um die Geschichte eines Familienmitglieds und wie seine Geschichte sich auf die anderen auswirkt. Für mich am schlimmsten war es zu lesen, wie Daphne in der Heilanstalt dahinvegetiert. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Hier entdecke ich auch autobiographische Züge, denn Janet Frame selber hat Jahre zu Unrecht wegen Schizophrenie in einer Heilanstalt verbracht. Unter anderem hat man sie mit Elektroschocks behandelt.

Dies ein einzigartiges Buch. Ein Buch, das mit einer poetischen Sprache das Schicksal und das Unglück von Menschen beschreibt, dass es einem unter die Haut geht. Es erscheint dem Leser surreal, dass man mit solch einer schönen Sprache solch eine Tragödie beschreiben kann.

Einzigartig … Wundervoll …

5 von 5 Sternen

 

Nachtrag (29.05.2015)

Dieses Buch habe ich 2012 durch Zufall entdeckt, da einiger ihrer autobiografischen Werke in einer Neuauflage bei C.H. Beck erschienen sind.

Janet Frame, deren richtiger Name Nene Janet Paterson Clutha ist, wurde 1924 in Neuseeland als drittes von fünf Kindern eines Eisenbahnarbeiters geboren. Hier findet man die ersten Parallelen zum Buch. Ihre Familiengeschichte ist irgendwie tragisch … der Bruder hatte Epilepsie und zwei Schwestern ertranken. Sie selber hat Jahre irrtümlicherweise wegen Schizophrenie in einer Nervenheilanstalt verbracht. Auch hier wieder Parallelen zum Buch. Die drei Bänden „Wenn Eulen schreien“ , „Dem neuen Sommer entgegen“ und „Ein Engel an meiner Tafel“ enthalten autobiografische Züge. „Dem neuen Sommer entgegen wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht, weil Janet Frame dieser Roman zu persönlich erschien, um ihn zu Lebzeiten zu publizieren.

Janet Frame verstarb 2004.

Für mich eine Autorin, deren einzigartigen Werke man lesen sollte!!!