Wenn das Leben aus dem Takt gerät

Droemer
Fester Einband
176 Seiten
Erscheinungsdatum:
01.03.2018
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 9783426281727

Rückentext
Vierzig Jahre hat er in einem festen Takt gelebt. Jetzt verabschiedet sich Loet Zimmermann aus dem Schuldienst in die Rente, die ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt. Von nun an muss er seinen Alltag ohne die tröstliche Sicherheit eines Stundenplans bewältigen. Doch sosehr sich Zimmermann um Struktur bemüht, immer weiter entgleiten ihm die Dinge. Nur ein entschlossener Plan kann ihn noch retten – und den hat Loet Zimmermann.

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„Zeit ist alles, was ihm jetzt noch bleibt. Beim Einteilen seiner letzten Jahre braucht er nichts einzukalkulieren, außer seinen Tod. Das wird vielleicht die größte Herausforderung für ihn als Koordinator.“ (Seite 23)

Loet Zimmermann koordiniert seit vierzig Jahren die Stundenpläne an einer Schule. Sein ganzes Denken kreist um Fächer und die Aufteilung der Schulstunden in fünfzig Minuten Takte. Dann ist er da, der Tag, an dem er in den Ruhestand geht. Loet kann noch gar nicht glauben, dass sein getaktetes Leben nun so nicht mehr stattfinden soll. Doch er hat Pläne, wie er Struktur in seinen neuen Lebensabschnitt bekommt.

Auf dem Heimweg von seiner Verabschiedung wird Zimmermann überfallen, ausgeraubt und brutal verprügelt. Fortan quälen ihn die Bilder des Überfalls, er fühlt sich verfolgt und die Polizei unternimmt in Lotes Augen nichts, um den Täter zu finden. Sein bisher so durchgeplantes Leben gerät aus den Fugen.

„Den Abend, die Nacht, die nächsten Tage musste er in Stunden zerlegen und sie irgendwie füllen, um die Zeit zu überstehen.“ (Seite 52)

Mir hat dieses Buch der Autorin Karolien Berkvens sehr gut gefallen. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem Struktur im Alltag wichtig ist. Das Leben ist durchgetaktet, die täglichen Dinge laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Für Loet ist dies Lebenswichtig. Das merke ich als Leserin ganz stark, als nach dem Überfall Loets Tagesablauf verändert wird. Das fängt damit an, dass z.B. das Frühstück im Krankenhaus, anders als in seinem Tagesablauf, um 6 Uhr serviert wird. Und diese anfänglich kleinen Veränderungen im Tagesablauf bringen seine gewohnten Strukturen immer mehr ins Wanken. Das bedeutet für ihn Stress und Panik. Er verstrickt sich immer mehr in Hirngespinste und Vorstellungen, die voll am realen Leben vorbei gehen. Das Ganze spitzt sich im Laufe der Geschichte immer mehr zu.

Diese sehr eindringliche Geschichte über den Verlust von Kontrolle und der damit verbundenen Einsamkeit hat mich sehr berührt, und die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die so tagtäglich leben sehr erschreckt.

Mich beschäftigt nach wie vor die Frage, kann man diesen Menschen helfen? Was braucht es um diese Strukturen zu durchbrechen, um diese Menschen aus ihrer Einsamkeit heraus zu holen?

„Sumpfige Gedanken schwappen wellenartig an seine Schädelwand. Was sind Gedanken wert, wenn der Denkende sie nicht im Griff hat? Kann man dann noch von Gedanken sprechen?“ (Seite 140)

Ein poetischer Genuss

mare Fester Einband 96 Seiten Erscheinungsdatum: 10.02.2015  Preis: 18,00 € ISBN: 9783866482050

mare
Fester Einband
96 Seiten
Erscheinungsdatum:
10.02.2015
Preis: 18,00 €
ISBN: 9783866482050

Klappentext
Juli 1945, ein heißer Sommertag am Strand von San Cataldo, am östlichen Ufer von Italiens Absatz: Fasziniert beobachten die Brüder Ezio und Alberto die Mädchen am Strand, die in hochgeschlossenen Badeanzügen vorbeistolzieren. Bis die 20-jährige Giovanna Berlucchi aus der Brandung auftaucht – in einem Zweiteiler. So etwas haben die Jungen noch nie gesehen. Ezio verliebt sich leidenschaftlich in die schöne donna Pugliese, und im Laufe dieses Sommers, in dem der Zweiteiler nicht die einzige Offenbarung bleibt, wird er ihr zwei Heiratsanträge machen. Doch Giovanna liebt das Meer und ihre Freiheit, sie hat die „Lunge eines Delfins“ und kann länger tauchen als drei ihrer Schwestern zusammen: Auf beide Anträge antwortet sie, indem sie zum Meer läuft und in den Wellen verschwindet. Aus Schmach und Kummer flieht Ezio, so weit er kann, vom Süden in den Norden Italiens. Hier wird er Apfelpflücker, und in den kalten Südtiroler Wintern melkt er Kühe – doch nie vergisst er Giovanna und den gemeinsam verbrachten Sommer am Meer. Über sechs Jahrzehnte sehnt er sich nach seiner ersten und einzigen großen Liebe. Da trifft ein Brief von ihr ein.

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„Die Jahreszeiten wechseln, aber die Tage sind alle gleich. Heute riecht nach gestern, und gestern schmeckt wie vorgestern, und vorgestern klingt wie alle Tage davor. Das Einzige, was die Tage noch unterscheidet, ist das Gefühl. Die Sehnsucht die immer größer wird, die mit jedem verstreichenden Tag zu wachsen scheint.“ (Seite 10)

Ezio und Giovanna treffen sich im Sommer 1945 zum ersten Mal. Es ist der Sommer nach Kriegsende. Das Leben nimmt langsam wieder seinen Lauf. Ezio ist auf den ersten Blich hoffnungslos in Giovanna verliebt. So sehr, dass er ihr nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag macht. Doch Giovanna rennt davon und stürzt sich ins Meer. Die beiden verbringen einen ganzen Tag am Strand. Am Abend fragt er sie noch einmal und wieder rennt Giovanna ins Meer und schwimmt davon.

„Man darf den Zusammenhang zwischen Lachen und Liebe nicht unterschätzen, aber ein leichtherziges Lachen ist etwas anderes als ein Lachen, das Liebe beantworten will. Vielleicht sogar das Gegenteil: ein Lachen, das der Liebe davonlaufen, sie auf Distanz halten will, weit weg vom Herzen.“ (Seite 45)

Ezio beschließt direkt am nächsten Tag die Stadt zu verlassen. Er kann nicht damit leben, dass Giovanna ihn abweist. Und so reist er tausende  Kilometer von ihr weg. Er beginnt ein neues Leben als Apfelpflücker. Doch Giovanna kann er nicht vergessen. Eines Tages trifft ein Brief von ihr ein, der sein ganzes Leben auf den Kopf stellt.

„Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war.“ (Seite 86)

Was für ein wunderbares kleines Buch.  Zuerst ist einmal da dieser ungewöhnliche Stil. Es gibt keine Kapitel, sondern nur Abschnitte. Die Geschichte wechselt immer zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Dabei werden zeitgeschichtliche Details eingebettet, was mir sehr gut gefallen hat. Auch dieses „Abschweifen“ der Geschichte in Nebengeschichten, die dann immer mit dem Satz endeten … aber das ist eine ganz andere Geschichte … einfach genial gemacht. Das Zeigt, dass das Leben unzählige Geschichten bereithält, die es vielleicht wert sind aufgeschrieben zu werden.

„Das Gedächtnis ist unzuverlässig und wählerisch, aber nicht wirr. Es stellt Zusammenhänge her: zwischen Düften und Feldern, zwischen Geräuschen und Plätzen mit alten Gebäuden, zwischen Berührungen und Menschen. Die zarten, durchscheinenden Fühler von Giovannas Gedächtnis ertasten einen Kuss, einen Mund, einen Mann.“ (Seite 85)

Von der Sprache fühle ich mich einfach nur verzaubert. Dem Autor gelingt es immer wieder mich in die Situationen und Orte hinein zu bringen. Ich hatte oft das Gefühl ich säße als Zuschauer am Rande, aber dennoch mitten im Geschehen. Die Orte, Handlungen und Gefühle sind so beschrieben, als könne man sie selbst erleben oder fühlen.

Ernest van der Kwast hat hier ein ganz besonderes Stück Prosa geschaffen. Diese Geschichte macht Mut an die Liebe zu glauben, an den Menschen den man einst in sein Herz geschlossen hat. Auch wenn es manchmal bedeutet 60 Jahre seines Lebens zu warten. Wahre Liebe stirbt nicht.

„Sie sah in sofort, den Jungen, der ein alter Mann war. Vorsichtig stieg Ezio aus. Ein anderer Fahrgast wollte ihm helfen, aber Ezio wehrte ab. Wenn er sich Zeit nahm, kam er alleine zurecht.
Dann sah er sie. Die barfüßige Verzauberung von achtzig Jahren. Er sah ihr weißes Haar und die Falten in ihrem Gesicht, und er sah ihre Schönheit, die nirgendwo mehr zu sehen war.“ (Seite 95)

Ich habe dieses Buch ganz langsam gelesen, weil ich jede einzelne Seite genießen wollte. Denn das ist dieses Buch … ein poetischer Genuss ♥

5 von 5 Sternen