… aus „Hier können Sie im Kreis gehen“ von Frédéric Zwicker

Nagel und Kimche
Fester Einband
160 Seiten
Erscheinungsdatum:
22.08.2016
Preis: 20,00 €
ISBN: 9783312009992

 

„Ich habe lange zugeschaut. Als ich jung war, sah ich die Leute alt werden und verblassen. Sie entfernten sich scheinbar von mir, es war die Vergänglichkeit, die ich den Menschen ansah. Ich hatte alles vor mir. Mein Leben hatte noch gar nicht angefangen. Später sah ich die Menschen dann zu mir heranwachsen. Ich hatte sie überholt, und sie waren mir auf den Fersen. Und bald fühlte ich mich in die Enge getrieben. Den Weg nach vorne versperrte mir der Tod, der immer unverhohlener auf mich schielte, während er erst sporadisch, bald regelmäßig an die Türen meiner bekannten klopfte. Er war mir ein altbekannter und doch nicht minder unsympathischer Begleiter.
(…)
Letzter Akt: die letzte Sünde. Anstatt ihre verbleibende Zeit in die Hand zu nehmen, anstatt nach vorne zu schauen, wie sie es früher immer wollten, drehen sie sich um.“ (Seite 5/ 6)

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Ich war dem Winter stets dankbar, wenn viel Schnee fiel, der den Lärm dämpfte und viel Hässliches zudeckte.“ (Seite 38)

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„Früher konnte man noch rechtzeitig sterben. Irgendwann hat man das verlernt. Man hat keine Zeit mehr für den Tod, weil man noch Direktor, Millionärin oder vierfacher Ehemann werden wollte. Man hat angefangen, sich selbst so wichtig zu nehmen, dass man vergessen hat, nur das zu bedeuten, was man jenen bedeutet, die einem etwas bedeuten. Man hat den Tod in unserer Gesellschaft aus dem Leben vertrieben.“ (Seite 90)

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Kurz und knapp #3 … „Frühstück mit Meerblick“ von Debbie Johnson

Heyne Taschenbuch
Flexibler Einband
429 Seiten
Erscheinungsdatum:
09.05.2017
Preis: 9,99 €
ISBN: 9783453421981

Der Ehemann einer jungen Frau stirbt. Sie hat zwei Kinder. Sie versinkt in Trauer. Irgendwann merkt sie das Leben muss weiter gehen und vor allem muss sie für den Unterhalt ihrer Kinder sorgen. Sie nimmt einen Job in einem Café am Meer an. Dort angekommen wissen alle irgendwie über ihr Schicksal Bescheid und sind alle ganz lieb zu ihr.

Ehrlich gesagt lese ich zwischendurch auch mal ganz gerne Bücher, die man ruck zuck lesen kann. Die etwas fürs Herz sind, über die man nicht viel nachdenken muss. Dennoch erwarte ich auch von solchen Büchern ein bisschen, ein klitzekleines bisschen Inhalt … Anspruch oder wie immer man es nennen will.

Fazit
Dieses Buch habe ich abgebrochen, weil es einfach zu flach und konstruiert war, vom wirklichen Leben weit  entfernt. Bestsellerautorin hin oder her!

 

2 von 5 Sternen

Neulich in der Buchhandlung … #11

 

Hallo Ihr Lieben,

die Schule hat letzte Woche wieder begonnen und mit diesem Tag auch die I-Dötzchen-Zeit. In der Gemeinde Ruppichteroth gibt es bei ca. 10.461 Einwohner (Stand 31.12.2015) 3 Grundschulen … Winterscheid, Schönenberg und Ruppichteroth. Das finde ich für unsere kleine Gemeinde schon ganz schön viel. Und jedes Jahr werden so um die 80-90 Kinder eingeschult. Die Grundschule in Ruppichteroth ist sogar zweizügig.

Dieses Jahr durfte ich seit der Eröffnung von Angelikas Büchergarten im September 2015 das zweite Mal Lesetüten in den Schulen an die I-Dötzchen verteilen. In Winterscheid und Schönenberg machen es die Schulleiterinnen am Einschulungstag und in Ruppichteroth darf ich es immer ein paar Tage später selber machen. Für mich ist es immer wieder schön, zu sehen, wie die Kurzen mit strahlenden Augen da sitzen und ich versuche zu erklären welch tolle Welt sich ihnen durch das Lesen von Büchern eröffnet.

An dieser Stelle möchte ich mich bei den Schulleiterinnen Frau Löbach, Frau Schreiber und Frau Schellberg bedanken, dass Sie mir die Möglichkeit geben, den Kids mit der Lesetüte einen Anreiz zu bieten in die Welt der Buchstaben einzutauchen.

Danke ♥

Eure Angelika

I-Dötzchen 2017 Schönenberg

I-Dötzchen Ruppichteroth

Phantastischer Wahnsinn!!!

S. Fischer Verlag, ISBN: 9783103972825, Preis: 22,00 Euro

 

Rückentext
Mit einem Eisblock im Kofferraum fährt Eva in ihr Heimatdorf. Jahrelang ist sie nicht dort gewesen. Und sie hat nie zurückgeblickt – bis eine Einladung ihrer beiden ältesten Freunde alles zurückholt: den Sommer, in dem zwei Freunde zu Evas dunkelsten Dämonen werden; den Sommer, den Eva seit dreizehn Jahren zu vergessen versucht.

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„Ich denke nach, doch mir fällt nur anderer Leute Kummer ein. Leid, dessen Zeugin ich war, das ich mir ansah, bis es auch mein Leid wurde. Durch Teilen nimmt die Intensität ab, wird es für beide erträglicher.“ (Seite 88)

Eine junge Frau, Eva, packt sich einen Eisblock in den Kofferraum ihres Autos und fährt los, um einer Einladung eines alten Freundes Folge zu leisten. Dieser Satz, das Cover und der Titel haben mich mega neugierig auf dieses Buch gemacht. Als ich es dann in Händen hielt war ich immer noch fasziniert vom Cover, hatte aber keine Ahnung was mich für eine Geschichte erwartet.

Nach den ersten gelesenen Seiten habe ich ein ungutes Gefühl. Mir ist kalt beim Lesen, und je weiter ich in dies Geschichte eintauche, desto größer wird mein mulmiges Gefühl. Ich ahne, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann.

In Rückblicken erlebe ich Evas Sommer 2002. Ein Sommer mit ihren Freunden Laurens und Pim. Eigentlich kann man ihre Beziehung nicht als Freundschaft bezeichnen.  Pim muss immer im Mittelpunkt stehen, Laurens sieht zu ihm auf und Eva … Eva möchte eigentlich nur Teil von irgendetwas sein und ist froh, dass die beiden Jungs sie in ihrer Mitte aufnehmen, nichtsahnend, dass die Beiden einen Plan für den Sommer haben. Die Jungs haben  sich ein Spiel ausgedacht. Ein Spiel, das das Leben der drei verändert.

In einem zweiten Erzählstrang lerne ich Evas Familie kennen. Die Eltern beide Alkoholabhängig, ihre Schwester Tess  Verhaltensauffällig und Jordan der Bruder voller Gleichgültigkeit. Dazwischen Eva, die versucht ihren Weg zu finden.

Ein dritter Erzählstrang erzählt die Jetztzeit, die Reise von Eva in ihre Heimat, das Wiedersehen mit ihrer Familie und das was sie dort vorhat.

„Jedes Leben ist lediglich eine Summe aus Zahlen, doch nur wenige schaffen es, Buch zu führen, rechtzeitig mit Zählen anzufangen. Diejenigen, die es versuchen, werden krank oder verrückt, legen von vornherein fest, wie oft sie kauen müssen, damit das schon mal klar ist, und ziehen dann jede Bewegung, die sie machen, davon ab. Ihr Leben ist keine Summe, sondern eine Differenz, sie bringen sich selbst auf null.“ (Seite 247)

Beim Lesen dieser Geschichte komme ich mir wie ein Voyeur vor. Ich lese es und kann nicht aufhören, weil ich wissen will wie es weiter geht; und gleichzeitig möchte ich aufhören zu lesen, weil es so abstoßend, brutal und unendlich zerstörerisch ist … aber ich kann nicht … ich muss weiter lesen.

Und so wie der Eisblock im Buch schmilzt, so schmelzen die Seiten des Buches dahin. Am Anfang blickt man wenig durchs Eis, noch durch die Geschichte. Doch je dünner das Eis wird und die Seiten weniger werden, desto mehr erahnt man was passieren wird, und kurz vor dem Ende, man kann schon fast durchs Eis schauen, trifft es den Leser wie ein Faustschlag in den Magen … man ist einfach nur noch schockiert …

Mit diesem Buch hat Lize Spit kein einfaches Buch geschrieben. Es ist im eigentlichen Sinne kein schönes Buch. Und doch ist es ein großartigeres Buch, weil Lize Spit hier eine Geschichte erzählt die keinen Leser unberührt lässt. Nicht während des Lesens und schon gar nicht am Ende. Sprachlich einfach gehalten, schafft sie trotzdem eine Atmosphäre, die der Geschichte voll und ganz entspricht. Mit jeder Seite mehr die ich lese, wird mir kälter und kälter.

„Und es schmilzt“  ist für mich eines mit der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es ist  mit einer solchen Intensität  geschrieben, dass ich jetzt noch dieses mulmige und beklemmende Gefühl in den Bauch bekomme, wenn ich darüber schreibe.

„Es gibt keinen Weg zurück. Ich bin ohne Bremsen den Abhang hinuntergeschickt worden.“ (Seite 496)

 

5 von 5 Sternen

William James Sidis – ein Wunderkind, das keins sein wollte

Diogenes, ISBN: 9783257069983, Preis: 25,00 Euro

Rückentext
Boston, 1910. Der elfjährige William Sidis wird von der amerikanischen Presse als „Wunderjunge von Harvard“ gefeiert. Sein Vater, Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen überragenden Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – mit aller Konsequenz.

„Boris war ein Idealist gewesen, ein Weltverbesserer, mit jeder Faser seines Herzen. Er wollte die Menschheit von ihrer schlimmsten Seuche befreien, der Dummheit, und somit zugleich vom verrohten Sohn der Dummheit, dem Krieg. Dafür hatte er gelebt. Und als er glaubte, den universalen Impfstoff gegen Dummheit entdeckt zu haben, nämlich seine Erziehungsmethode (…)“ (Seite 488)

Als 18jähriger kommt der Urkrainer Boris Sidis 1886 in New York an. Ohne einen Cent betritt er das neue Land, von dem er sich eine Zukunft erhofft. Boris spricht über 20 Sprachen, doch kein Englisch. Er bekommt einen Job, und dank seiner „Sucht“ nach Bildung, lernt er schnell die Sprache und gibt später sogar anderen Einwanderern Sprachunterricht. Boris ist davon überzeugt, dass jeder noch so unbedeutende Mensch etwas ganz großes werden kann, wenn er bereit ist zu lernen. Alles aus sich herauszuholen. Boris selbst entscheidet sich irgendwann Psychologe zu werden, weil ihn das Gehirn und die damit Verbundenen Fähigkeiten fasziniert. Boris Sidis ist davon überzeugt, dass ein spezielles Programm die Leistungsfähigkeit des Gehirns schon im Säuglingsalter geschult werden kann. Er entwickelt die Sidis-Methode.

„In Sarahs Vorstellung war Bildung genau das: sich Fertigkeiten aneignen, die das Leben erleichtern. Und weil ihr Leben so schwer war, sehnte sie sich nach Erleichterung, also nach Bildung. Mit Liebe zum Wissen, mit Freude an der Erkenntnis, mit Lernen um des Lernen willen hatte ihr Bildungsdrang nichts zu tun.“ (Seite 64)

Sarah wächst in einer großen Familie auf und muss sich immer um die Kleinsten kümmern. Schon früh lernt sie für die Familie zu sorgen. Sarah ist wie Boris aus der Ukraine emigriert und hat keine Schulausbildung. Eines Tages trifft Sarah auf Boris, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Und Boris sieht in ihr das perfekte Versuchskaninchen. Er nimmt sich vor, Sarah so zu fördern und zu unterrichten, dass sie Medizin studieren kann. Und was  eigentlich sehr unwahrscheinlich scheint, gelingt. Außerdem verliebt sich Sarah in Boris. Sie heiraten und kurz darauf kommt William zur Welt.

„Nein. Erziehung ist die Hilfe, die Kinder von Erwachsenen bekommen müssen, um ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Alle Eltern wissen, dass ihr Kind körperlich zurückbleib, wenn sie ihm nicht genug Nahrung geben. Um die Ernährung seines Gehirns kümmern sie sich seltsamerweise viel weniger. Die Folgen kann man überall beobachten. Es gibt jede Menge kleinwüchsige, körperlich unterentwickelte Menschen, die als Kind zu wenig zu essen hatten. Aber was es noch viel häufiger gibt, das sind geistige Krüppel. Es sind so viele, dass es kaum jemandem auffällt, wie schlecht ihr Kopf funktioniert, weil die allermeisten anderen genauso verkrüppelt sind. Ist das nicht ein Jammer? Kein Organ, kein Muskel, kein einziger Teil des Körpers wird so schlecht trainiert wie ausgerechnet das Gehirn. Da hat die Natur dem Menschen ihr größtes Wunderwerk geschenkt, und was macht er damit? Er lässt es verfaulen und verrotten.“ (Seite 157/ 158)

William wird vom ersten Tag seiner Geburt an von seinen Eltern Boris und Sarah unterrichtet. Das fängt im Kleinen an … Boris läuft ums Bett mit einem Glöckchen, damit William schon früh seine Aufmerksamkeit fokussiert. Und so geht es weiter und weiter … William überspringt Schulklassen, studiert früh und wird als „Wunderkind von Harvard“ gefeiert. Kein einfacher Weg, auch nicht für seinen Vater Boris, der sich immer und immer wieder mit einem sperrigen Schulsystem auseinander setzen muss. Irgendwann hat William genug und flieht aus seinem Leben. Er will nicht immer von allen Menschen „gebraucht“ werden. Er möchte sein Leben leben, auch wenn er am Anfang keine Ahnung hat, wie es aussehen soll. Er weiß nur ein, er will nicht mehr dieses Wunderkind sein. Er will William sein, ein junger Mann, der ein selbstbestimmtes Leben führen möchte. Doch kann er da schaffen?

Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“ (Seite 473)

Was für grandioses Debüt!!! Ich bin hin und weg. Wer mich kennt, weiß, dass ich eigentlich keine „dicken“ Wälzer lese. Doch dieses Buch hatte mich von der ersten bis zur letzten Seite im Griff. Klaus Cäsar Zehrer schafft es mit einer unendlichen Leichtigkeit die Familiengeschichte der Sidis zu erzählen. Einer Familie, der Bildung unendlich wichtig war. Ich bekam einen Einblick über die Möglichkeiten der Manipulation und des Gehirntrainings.

Schon im ersten Kapitel, dem Kapitel in dem Boris in Amerika ankommt und wie er sich dann bildet und immer weiter bildet, mit welcher Verbissenheit er gegen die „Verdummung“ der Menschen kämpft ist schon echt krass. Ich habe ihn irgendwie für seinen Ehrgeiz bewundert. Und vieles scheint auch schlüssig und nachvollziehbar zu sein.

Als dann William geboren wird, bekomme ich das erste Mal ein beklemmendes Gefühl. Und eine Frage taucht in meinem Kopf auf … wie kann man einen so kleinen Wurm schon so triezen. Statt Gefühle werden Sprachen und Formen, Zahlen und Wörter dem kleinen Jungen eingetrichtert. Jetzt fällt mir beim Lesen etwas auf … Boris fehlt es an Empathie … jeglicher Empathie. Und William? Auch ihm scheint sie zu fehlen.

An vielen Stellen im Buch habe ich mich gefragt, darf man seinem Kind so etwas  machen?  Darf mein ein Kind/ einen Säugling mit solch einer Methode „fördern“? Nie wird William gefragt, ob er das möchte. Der Ehrgeiz seines Vaters ist so groß, und die kindliche Stimme so klein. Aber auch in unserer heutigen Welt ist es oft der Ehrgeiz der Eltern, der das Leben der Kinder bestimmt.

Irgendwann verlässt William seine Familie und das Leben des Genies. Ich habe so sehr gehofft, dass er nun ein „normales“ Leben führen kann. Doch leider holt ihn „das Genie“ immer und immer wieder ein. Mir hat William einfach nur noch leid getan. Was für ein armer Mensch. Er wollte einfach nur leben, ein einfaches Leben, doch die Menschheit hat ihn bis zur letzten Sekunde nicht in Frieden gelassen.

„Ich bin der einzige Normale. Das merkt nur keiner, weil die Welt verrückt ist.“ (Seite 590)“

Klaus Cäsar Zehrer erzählt diese Familiengeschichte, eine Geschichte über Bildung,  sehr anschaulich, leicht und überaus spannenden sowie informativ. Da fliegen 650 Seiten nur so davon …

Unbedingt lesen!!!

Chapeau Klaus Cäsar Zehrer!!!

 

 

5 von 5 Sternen und Favoritenstatus!

Eine Familie

Atlantik Verlag, ISBN: 9783455404685, Preis: 20,00 Euro

Klappentext
Als der kleine Édouard sein erstes Gedicht schreibt, ist seine Familie gerührt und begeistert von dem talentierten Jungen. Von jetzt an steht fest: Édouard ist der Dichter der Familie. Doch für ihn beginnt in diesem Moment der unaufhaltsame Abstieg: Die Jahre vergehen, und vergebens versucht er diesen einen Moment reiner Liebe und Bewunderung wiederauferstehen zu lassen. Nichts will ihm gelingen: Er wählt die falsche Frau und muss machtlos zusehen, wie seine Familie zerbricht. Statt Schriftsteller wird er Werbetexter, trotz seiner Erfolge fühlt er sich als Versager. >Schreiben heilt<, hat sein Vater immer gesagt – wird Édouard schließlich die Worte finden, die ihn und seine Liebsten zu heilen vermögen?

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„Wann weiß man, dass man liebt? Am Abend oder am Morgen? Wenn es noch Zeit ist oder schon zu spät?
(…)
Geliebt werden, bevorzugt werden, derselbe Kampf. Dieselbe Feigheit. Wir weiden uns alle an dem Verlangen des anderen nach uns. Keine Liebe dabei. Bloß das Verlangen nach dem Verlangen des anderen.“ (Seite 60)

Als Kind schreibt Édouard einen einfachen Reim. Und schon ist die komplette Familie aus dem Häuschen und sieht in ihm einen potentiellen Dichter. Doch die Familie hat keine Ahnung welchen Druck sie damit auf Édouard ausüben. Immer auf der Such nach den richtigen Worten für einen Roman oder ein Gedicht findet er alles Mögliche, nur nicht den Erfolg den seine Familie sich für ihn erhofft. Er in seinen Augen ständig falsche Entscheidungen, obwohl er als Werbetexter sehr erfolgreich ist. Doch er glaubt den Ansprüchen seiner Familie nicht zu genügen.

Dies ist nicht, wie ich zuerst glaubte ein neuer Roman von Delacourt. Nein, dieser Roman erschien bereits 2011. Mit diesem Roman hat er debütiert  und in Frankreich dafür einige Preise bekommen.

„Der Dichter der Familie“ ist wieder ein Buch, das die Leserschaft spaltet. Viele finde es nicht gut, da es nicht an „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ heranreicht. Ich sehe das ein bisschen anders, nämlich unter dem Aspekt des Debüts. Delacourt hat mit diesem Buch ein sehr schönes Debüt geschrieben. Eines, welches man tiefer betrachten muss und sollte.

Da ist der in meinen Augen sehr schüchterne Édouard. Er lebt in einer Familie, die Probleme hat. Die Eltern lieben sich nicht mehr und stehen kurz vor der  Trennung. Sein Bruder ist krank und landet später in der Psychiatrie. Und seine Schwester hängt irgendwie dazwischen. Dann schreibt Édouard ein paar Zeilen, die sich reimen und schon feiert ihn die Familie als großen Schriftsteller, nichtsahnend, dass sie ihn damit unter Druck setzen, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Édouard scheint an diesem Druck zu zerbrechen. Letztendlich zerbricht die ganze Familie.

Delacourt zeigt mit einer sehr weichen und melancholischen Art auf, was die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder anrichten können. Was mit Kindern und späteren Erwachsenen geschieht, die ihr Leben lang nach Anerkennung und Liebe der Eltern/ Familie lechzen …

In meinen Augen ein wundervolles Buch, dass die Strukturen einer Familie aufzeigt.  Sicherlich ein anderes Buch als „Die vier Jahreszeiten des Sommers“, aber auf jeden Fall ein Delacourt, wenn auch früher,  und  lesenswert.

„Man muss gesehen haben, wie seine Eltern sich prügeln, um zu begreifen, dass ein Kind den Wunsch entwickeln kann zu sterben.“ (Seite 32/ 33)

 

 

4 von 5 Sternen

Kurz und knapp #2 … „Eine englische Ehe“ von Claire Fuller

Piper Verlag, ISBN: 9783492057912, Preis: 22,00 Euro

 

Ingrid ist eine junge Frau, die genau weiß was sie will und wie ihr Leben verlaufen soll. Doch dann verliebt sie sich in ihren Literaturprofessor Gil und wird schwangen. Sie wirft all ihre Träume über Bord und wird Hausfrau und Mutter. Doch mit diesem Leben ist sie auf Dauer nicht glücklich. Ihr wesentlich älterer Mann hat immer wieder Affären. Ihren ganzen Kummer schreibt sie Nacht für Nacht in Briefen an ihren Mann nieder und versteckt diese in den Büchern ihres Gatten. Eines Tages hat sie die Nase voll und verlässt die Familie. Zwölf Jahre später glaubt Gil sie gesehen zu haben und setzt alles daran sie zu finden. Doch es scheint eine Fata Morgana zu sein.

Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut. Hörte es sich doch schon allein ziemlich romantisch an, dass Briefe in Büchern versteckt werden. Doch leider war das Buch alles andere als romantisch. Es wurde langatmig und Ingrid jammert in den meisten Briefen über ihr vergeigtes Leben. Ich konnte nicht verstehen, warum sie auf Biegen und Brechen bei Gil geblieben ist. Und erst als die Kinder schon fast erwachsen sind verlässt sie ihren Mann.

Fazit
Ich war hin und hergerissen. Spannend geschrieben und dennoch streckenweise sehr langatmig. Nicht das was ich mir anhand des Klappentextes erhofft habe. Das einzig wirklich schöne waren die Verweise auf Bücher in die Ingrid ihre Briefe steckte.

 

3 von 5 Sternen